Blitzeis am Tejo

Es ist Sonntag, 13:00 Uhr. Der Himmel ist grau über der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Mir ist kalt, es ist windig und gerade peitscht mal wieder ein Regenschauer über den Platz am Flussufer. Ich kauere auf einer Parkbank unter einer gelben Plastikplane mit dem roten Aufdruck des Kaffeeherstellers „Delta“, der mir gerade herzlich egal ist. Ich versuche mich so gut es geht vor Regen und Wind zu schützen. Eine Art Stadionsprecher schreit seit Minuten wie am Spies: „Obrigado, Obrigado, multi Obrigado! Um den Hals baumelt mir eine viereckige Blechmedaille, und immer wenn der Regenguss kurz nachlässt, beiße ich in ein Erdbeereis am Stiel. Tatsächlich: Ich beiße in ein Eis am Stiel! Vielleicht kommt auch gleich noch ein rosafarbener Elefant vorbei und fragt mich, wie spät es gerade in Singapur ist. Wie in aller Welt bin ich hierher gekommen?

Rückblende. Es ist der Samstag, acht Tage zuvor. Ich sitze in einem  tschechischen Flieger nach Faro an der portugiesischen Algarve-Küste. Ich habe mich seit Wochen auf das Trainingslager des Potsdamer Laufclubs gefreut und auf den Halbmarathon in Lissabon. Ein bisschen Frühling, ein bisschen Sport, ein bisschen die Seele baumeln lassen – kein schlechter Plan, wie ich finde. Allerdings hat mich kurz vor Abflug DER grippale Infekt erwischt. Fieber, Husten, Gliederschmerzen – die Bronchien brennen. (Erkenntnis 2018/1) „Irgendwie klebt Dir die Seuche am Schuh“, attestiert mir ein erfahrener PLC-Läufer. „Irgendwie wird’s schon gehen“, denke ich. Seeluft ist ja bekanntlich die beste Medizin. Und mit einer satten Überdosis Ibuprofen im Blut schaukele ich über den Wolken nach Faro. Irgendwie ging es dann aber nicht. Im Hotel angekommen hat mir der Infekt am ersten Abend regelrecht den Stecker gezogen. Zwangspause durch pharmakologischen K.O. vor der ersten Runde – so muss man es wohl sagen.

Ich muss zugeben, das Wetter hat es mir in den ersten zwei, drei Tagen auch leicht gemacht, denn wenn ich mich recht erinnere, haben sich die Palmen hinter dem Hotel mehrmals ordentlich im Sturm verbogen, und über zu wenig Regen dürften sich die Portugiesen in diesem Frühjahr auch nicht beklagen können. Trotzdem hätte ich natürlich lieber das Training mitgemacht als diesen grässlichen Ingwer-Tee in mich hineinzuschütten. Und bei lauen 18 Grad kam zumindest einmal am Tag immer irgendwo die Sonne raus.

Nachdem das Fieber weg war habe ich dann Mittwoch den ersten kleinen Trainingslauf auf einer schönen Cross-Strecke direkt neben dem Hotel absolviert. Es fühlte sich ehrlich gesagt nicht so an, als würde ich am Sonntag einen Halbmarathon laufen wollen. Aber gut…noch war ja eine halbe Woche Zeit. Donnerstag ein Lauf am Strand, das ging schon besser und Freitag dann mit dem Auto nach Lissabon – im  Dauerregen.

Dort – so hatte ich mir ausgerechnet – konnte mir eigentlich nicht mehr viel passieren, denn ich war schliesslich in der Obhut von gleich vier Beamtinnen der Bundespolizei – zum Glück unbewaffnet und so sehr in Zivil, dass sogar die lokalen Straßendealer in Lissabon unseren Beamtinnen sorglos allerlei Drogen zum Kauf angeboten haben. Vielleicht – meine Herren – ist das nur eine begrenzt gute Idee. Falls ihr Eure Geschäfte mal auf deutschen Flughäfen oder Bahnhöfe ausweiten wollt, hier mein Tipp: Probiert es in dieser Zielgruppe lieber mit Sportschuhen, Cappuccino, Kuchen, und Wein – bringt mindestens genau soviel Umsatz und unter Umständen weniger Ärger.

Am Samstag dann die nächste Hiobsbotschaft: Der Start des Laufs wurde kurzfristig verlegt, denn die Brücke über den Tejo – der Höhepunkt des Laufs – wurde wegen eines nahenden Sturmtiefs mit Starkböen für den Lauf gesperrt. Klar gehen Sicherheitsvorschriften immer vor, aber eine Enttäuschung war das schon. Nach einem windigen Samstag in Lissabon, an dem sogar der volle Brotkorb vom Tisch flog, war am Sonntagmorgen das Wetter gar nicht so schlecht. Also auf zum Start irgendwo an einer Stadtautobahneinfahrt – schön geht anders.

Zugegeben, ich habe ich mich weit hinten in die Startaufstellung gestellt. Die Zeit war mir ja eh egal, denn mit der abklingenden Grippe hatte ich mir vorgenommen das Ganze als Sightseeing Tour zu laufen (Total time: 2h:18min). Was aber dann stattfand, war der wohl seltsamste „Lauf“, den ich bisher erlebt habe. Irgendwann ging es auf der Autobahn wohl über eine Startlinie, aber kaum jemand schien das zu interessieren. Laufen – Fehlanzeige. Stattdessen befand ich mich bei einem Art Volkswandertag.

Omas mit Sturmhauben aus Plastik und dem Fifi an der Leine, Familien mit Kleinkindern, untergehakte Vereinsausflügler in Wanderausrüstung, die fahnenschwenkend die gesamte Breite der Strecke blockierten; irgendwann habe ich einen aufgespannten Regenschirm ins Gesicht bekommen  – klar, nicht dass am Ende noch jemand nass wird. Hätte man nach drei Kilometern bei einer Rast noch Brot und Wurst gevespert oder einen Grill aus dem Rollkoffer gezogen, mich hätte es nicht gewundert. Nach fünf Kilometern nahmen die Wandersleut dann aber doch die nächste Autobahnausfahrt und es wurde noch ein richtiger Lauf. Mein Sightseeing-Plan ist allerdings nicht aufgegangen. Denn zu sehen gab es nicht wirklich viel. Die Strecke des Lissabon-Halbmarathons ist – von der Brücke, über die man nicht Laufen durfte, abgesehen – wenig reizvoll. Dabei ist Lissabon eigentlich eine wunderschöne Stadt, aber 90 Prozent der Stadt ist Berg und Tal, deshalb geht der Halbmarathon in einer kilometerlangen Geraden am Flussufer entlang von Bahnschienen, durch Hafen- und Industriegebiete.

Interessante Fachgeschäfte in Lissabon: Für alle, die des Portugiesischen nicht mächtig sind: „Espingardas“ sind Gewehre, „Cargas“ ist Sprengstoff und „Esgrima“ Fechtausrüstung. 

Nicht nachvollziehbar ist für mich auch, dass der Veranstalter keine Möglichkeit anbietet, irgendwo eine Tasche mit trockenen Klamotten oder sonst was abzugeben, zumal es echt schwierig ist, vom Ziel mit Bus und Bahnen irgendwie schnell wieder wegzukommen. Unterm Strich war es aber durchaus eine neue Erfahrung, mit, dann gegen und dann wieder mit dem starken Wind zu Laufen. Das Wetter war – wie man im Fernsehen wohl sagen würde – ein Mix aus Sonne, Wolken, Regen und vereinzelten Graupelschauern. Und am Ende gab es dann vom Veranstalter sogar noch ein Blitzeis.

————–  OneMoreTune 2018/2: The Verve/Lucky Man ————

Was gibt es zu diesem Song noch zu sagen? Außer vielleicht, dass er gerade ziemlich gut mein Lebensgefühl beschreibt? Und dass ich dort sofort einziehen würde. Das Gebäude steht übrigens am Nordufer der Themse im Londoner Stadtteil Hammersmith und ich finde es absolut ausreichend möbliert. Vielleicht könnte man noch sagen, dass „The Verve“ eine der genialsten Gruppen der Britpop Ära der 90er waren, dass der Sänger Richard Ashcroft aus seiner Abschlussprüfung an der Schule einfach raus gegangen ist, um spazieren zu gehen, was ihm dann einen Termin beim Schulpsychologen eingebracht hat; dass der Gitarrist ein Album der Band nur schwer einspielen konnte, weil er sich während eines Konzerts der Band bei einer Schlägerei die Hand gebrochen hatte. Dass The Verve kurz vor ihrer Trennung 1998 ein legen(…gleich kommmt’s….) däres Konzert ihrer Heimatstadt Wigan in der Nähe von Manchester gaben, bei dem die letzten Worte von Ashcroft nach getaner Arbeit an das Publikum lauteten: „Fuck you!“, bevor er die Bühne verlassen hat….ein waschechter Engländer halt.

Jetzt hilft nur noch LSD…

Manchmal liegt zwischen zwei Blogeinträgen ein Lauf, und manchmal ein halbes Leben. „Wenn über Dir das Dach einstürzt, kannst Du die Sterne sehen!“ Das sagte mir ein Ex-Kollege, nachdem er sein Job verloren hatte, seine Freundin ihn deshalb sitzen ließ, ihm beim Auszug aus der gemeinsamen Wohnung die Achillesferse gerissen war und er wochenlang mit eingegipstem Bein in der Wohnung seiner Eltern lag und Löcher in die Decke seines ehemaligen Jugendzimmers starrte. Was mich betrifft: Meinen Job habe ich noch.

Ansonsten ist das mit den Sternen nicht ganz verkehrt…auch wenn es sich zunächst mehr nach „Sternchen sehen“ als nach Sternenhimmel angefühlt hat. Hat man sich den Staub von den Klamotten geklopft und die Augen gewischt, stellt man fest, dass die Geschäfte öffnen wie jeden Tag, die S-Bahn so unzuverlässig fährt wie immer und alle, die vorher nicht ganz dicht in der Birne waren, sind es immer noch nicht, waren es vielleicht nie…wer weiß das schon. Das einzige, was man sicher sagen kann: Egal was kommt, das Leben geht immer weiter weiter, weiter…hm…hört sich irgendwie an, wie….ja, richtig:

„Du und ich, und auch sonst keiner, kann so hart zuschlagen wie das Leben. Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann, es zählt bloß, wieviel man einstecken kann und trotzdem weiter macht.“
Rocky Bolboa

Ist schon eine Weile her mit den Rocky-Filmen…1976 kam der erste ins Kino. Ich habe ihn erst viel später gesehen. Das war für mich auch eher die Kategorie Film: schlaf- und planlos nach Mitternacht. Vielleicht wäre ich damals einfach besser schlafen gegangen, anstatt Rocky zuzusehen, wie er in Philadelphia die Treppen des Museums of Art hoch rennt.  Aber erstaunlich ist es doch, dass über 40 Jahre später immer noch Menschen aus aller Welt nach Philadelphia fahren, eine Treppe hoch rennen, die Arme in die Luft reissen…und jetzt raten wir mal, welche Musik dabei hören?

Da wären wir ja auch beim Thema, denn eigentlich soll das Blog ja übers Laufen gehen und das tut es auch. Also: Nach einem turbulenten Sommer habe ich letztes Jahr läuferisch nicht viel hingekriegt. Mal hier gelaufen, da trainiert, aber ich hatte den Kopf nicht frei und die Beine waren schwer wie Blei. Meine Teilnahme am Berlin Marathon habe ich abgesagt. Besser gesagt ist Steffi für mich gelaufen – über die genauen Details breiten wir einen weiten Mantel des Schweigens –  jedenfalls war es „mein“ schnellster Marathon, und so hatte ich ein paar Tage später einen guten Grund nach Griechenland zu fahren, um mich von den nicht erlittenen Strapazen zu erholen.

Und kurz darauf waren plötzlich überall Kugeln an den Bäumen…Seit zwei Wochen lass ich es jetzt wieder anlaufen mit dem Training. Aber ich merke natürlich, dass ich ganz schön abgebaut habe. Zu wenig gemacht und zu ungesund gelebt. Zeit für eine ungeschminkte   Bestandsaufnahme: Ich habe vier bis fünf Kilo zuviel auf den Rippen, ein kaputtes Ellenbogengelenk, Trainingsstand naja…war schon mal besser,  Motivation… uff….bei dem Wetter. Und ich bin läuferisch wieder dort angekommen, wo ich angefangen habe: Das erste Jahr habe ich beim Laufen nämlich den Kopf konsequent nach unten hängen lassen und auf meine Schuhe geglotzt…und genau dabei habe ich mich neulich selbst ertappt. Da hilft jetzt nur noch eines: LSD!

Nein, ich habe nicht beschlossen, die Pforten der Wahrnehmung zu erweitern, um wie weiland Jim Morrison von den Doors „zur anderen Seite“ durchzubrechen. Mein Bedarf an Vollidioten, die über mentale und emotionale Stärke faseln, ist bis an mein Lebensende gedeckt. LSD steht für Long Slow Distance: schlicht, der langsame Lauf. Der hat die Funktion die aerobe Grundlagenausdauer aufzubauen, man sagt, das passiere am besten bei 70-75% der maximalen Herzfrequenz, und – was für mich noch wichtiger ist –  man gewöhnt die Sehnen und Gelenke an die kommende Belastung. Denn das Tückische ist, dass zum Beginn des Trainings die Muskeln viel schneller fit werden als der Sehnen- und Gelenkapparat…und dann läuft ein alter Mann schnell in die Überlastungsfalle. Aber dieses Mal nicht mit mir! Das habe ich mir für 2018 fest vorgenommen!

Anfang März geht es mit dem Potsdamer Laufclub eine Woche ins Trainingslager ins Ausland. Und an dessen Ende liegt das erste Ziel 2018: Ein Halbmarathon, der auf einer Hängebrücke startet. Sie ist weltweit, die drittlängste Hängebrücke für kombinierten Straßen- und Eisenbahnverkehr. Nummer eins ist die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke in Istanbul, auf Platz zwei liegt die Tsing-Ma-Brücke in Hongkong.

30.000 Läufer unterm Stahlseil – das wird hoffentlich nicht zu sehr schaukeln. Naja, wenn sie  nicht hält, fällt man mit etwas Glück unten ins Wasser. Einen ordentlichen Schluck Wein soll es dort auch geben. Schon erraten wohin die Reise geht?

Bis es soweit ist, muss ich im winterlich-grauen Brandenburg Kilometer schrubben. Letztes Jahr waren es gerade mal 1000. Viel zu wenig für eine ordentliche Laufsaison. Auch wenn derzeit draußen der Funfaktor arg begrenzt ist: Es hilft nix, Schuhe an und raus. Sobald man auf der Strecke ist, ist das Suddelwetter dann auch egal. Solltet Ihr also rund um Potsdam eine Gestalt überholen, die im Schneckentempo durch Parks und Wälder schleicht, seid nachsichtig, das bin ich auf LSD!

OneMoreTune 2018/1: Foo Fighters, The sky is a neighborhood
Apropos gerecht; es gibt Menschen, die haben soviel Talent, dass es gleich für mehrere internationale Karrieren reicht. Nehmen wir mal Dave Grohl, den letzten Drummer der Band Nirvana, bevor Curt Cobain sich im Heroinrausch eine Kugel in die Birne ballerte. Grohl trommelte das Album „Nevermind“ („Smells like teen Spirit“), was ihn auf die Liste der 30 besten Schlagzeuger aller Zeiten katapultierte. Danach tauschte er mal lässig die Drumsticks gegen eine Gitarre und gründete eine Band, die heute kommerziell zu  den erfolgreichsten Bands in den USA zählt: Die Foo Fighters. Im September 2017 ist ihr 9. Album „Concrete and Gold“ erschienen und der Song  „The sky is a neighborhood“ passt irgendwie gut zum Thema „Sterne sehen“.

Aber man darf auch seinen – Verzeihung – Arsch darauf verwetten, dass ein Schlagzeuger sich für seine Band einen Schlagzeuger holt, der ihm das Wasser reichen kann. Das kann er: Taylor Hawkins. Wenn es bei den Foo-Fighters laut werden muss, ist für Hawkins Schwerarbeit angesagt und ich schätze, wer als Schlagzeuger bei den Foo Fighters spielt, kann auch ohne Training einen Halbmarathon laufen. Zweifel dürfte dieser Clip ausräumen:  Foo Fighters, The Pretender – bei DEN Dreharbeiten ich wäre wirklich gerne dabei gewesen. 😉

Finisher wider Willen

„Wanderer, kommst Du nach Edinburgh, verkündige dorten, Du habest uns laufen sehen, wie der Veranstalter es befahl.“ Ungefähr so ist es mir – frei nach  Schiller – am vergangenen Wochenende beim Edinburgh-Marathon ergangen – 26,2 Meilen, die ich eigentlich nie hatte laufen wollen. Und das kam so: Nach der Anmeldung vergangenen Herbst kam ein viel zu langer Winter mit beruflichen und privaten Turbulenzen, garniert mit einer Prise Verletzungspech. Mit anderen Worten: Ich hatte nicht trainiert – jedenfalls nicht auf einen Marathon. Schon vor Wochen wollte ich mich deshalb auf einen Halbmarathon ummelden, das ging aber nicht, weil der Veranstalter meinte: „Wenn das jeder machen würde…“…Also gut, dachte ich, pfeif auf den Faschingsorden und das Finisher-Klimbim, dann höre ich eben einfach nach der Hälfte auf. Gedacht, getan. Nach einer knappen Woche Urlaub mit meinem Sohn in den schottischen Highlands und Edinburgh war der Lauf ohnehin gedanklich irgendwie zur Nebensache geworden. „Ja, ach, einen Halbmarathon krieg ich schon irgendwie hin.“

Und dann war er plötzlich da, der Sonntagmorgen, 28 . Mai in Edinburgh. Also raus aus den Federn, Toastbrot mit Honig und einen Pott Nescafe eingeworfen, Schuhe an, Nummer ans Shirt heften und vorbei am Sitz des schottischen Regierungs- und Parlamentssitz zum Start in die Regent Road. Das Wetter war gut, wolkig, sonnig, warm, windig. Keinerlei Wartezeiten an den roten Lastwagen bei den Toiletten und der Taschenabgabe: „You’ll find the truuucks in the finisherrrr arrrrrrea“, rrrrroollte mir ein gut gelaunter Schotte entegen. „Alles klar, bis dann!“ Stimmung am Start entspannt. Jetzt ein schöner Trainingslauf über 21 Kilometer. Ich hatte mir nicht mal den Streckenplan richtig angeschaut….egal….passt schon. Tralala…wie schön kann das Leben sein.

Dazu muss man wissen, dass der „Edinburgh“-Marathon eigentlich eine Mogelpackung ist, und mit Edinburgh ungefähr soviel zu tun, wie der Flughafen Frankfurt-Hahn mit Frankfurt. Der Lauf startet zwar am Stadtrand, aber die Stadt mit ihren mittelalterlichen Häusern und Gassen lässt man nach 10 Minuten hinter sich. Danach verläuft die Strecke entlang der Nordseeküste. Zieleinlauf  ist in einem Städtchen mit dem Namen Musselburgh, das an der Mündung des Flusses Esk in die Nordsee liegt. Musselburgh passierte ich schon nach rund 45 Minuten und wunderte mich, ah…die Strecke muss wohl irgendwie hin und zurück gehen….aber von einem Ziel oder oder Trucks war dort keine Spur zu sehen. Komisch dachte ich, dann wird das wohl woanders sein, egal…passt schon…tralala.

Nach rund zwei Stunden hatte ich knapp 20 Kilometer hinter mir und die Strecke bog nach links direkt zum Strand ab. Ich war total zufrieden, im Einklang mit mir und dem Tag…jetzt noch die letzten paar hundert Meter anziehen, mit den Halbmarathonis durchs Ziel…sich unbeachtet verpissen und vielleicht ein schönes Bier am Strand trinken….die Sonne scheint ja gerade so schön. Als ich  um die Ecke gebogen war, zeigte meine Uhr zwar 21,2 Kilometer…aber vor mir lag nur die Dorfstrasse eines verschlafenen schottischen Küstenorts. Das einzige wahrnehmbare Geräusch war der Wind und das monotone klapp, klatsch, klapp, klatsch, klatsch von hunderten Turnschuhsohlen auf dem Asphalt. Kein Ziel, keine Trucks, kein Bier, kein Mensch…

….bis auf einen einzigen alten Schotten, der sich auf einem Campinghocker sitzend, vermutlich seinen Teil dachte, über diesen Bandwurm aus Menschen, die mit allerlei Textil, Brillen, Gürteln, Geltuben, Rucksäckchen und Fläschchen behängt, die sonntägliche Ruhe störten. Manche Läufer staffieren sich auch aus, als müssten sie durch die Kampfzone in der Ostukraine – mindestens.

Hmmm….dachte ich, vielleicht ein Irrtum, irgend eine Meilen/Kiometer-Umrechnungsproblematik meiner Uhr…oder vielleicht haben die Schotten einfach die Strecke falsch vermessen. Na gut, hilft ja nichts, einfach mal weiterlaufen. Nach einem weiteren Kilometer kam endlich ein Streckenposten in Sicht: „Excuse me, Sir, where is the Finish of the Halfmarathon?“ Als er die Schultern hochzog und mir erklärte, dass er das nicht wisse, habe ich wahrscheinlich noch dümmer aus der Wäsche geschaut als er.

Na gut. Geduld! Dann frage ich einfach nach dem Ziel für den Marathon. „No idea, Sir, sorrrry“… Gibt’s das? Ist das Absicht? Will mich hier gar ein Schotte zum Narren halten? Letzter Versuch: „Wohin fahren denn die Lastwagen mit den Taschen? In diese oder in diese Richtung?“ Ich stand mit ausgestreckten Armen vor ihm, wie damals, als ich bei der Schultheateraufführung einen Baum spielen durfte. “I don’t know“…antwortete er mir, mit einem Ausdruck wachsender Verzweiflung in den Augen. Mit dem Menschen kam ich nicht weiter. Ich stand hier offensichtlich mit dem Einzigen, der noch weniger Ahnung von der Veranstaltung hatte als ich. Ok…ruhig Blut, allerletzte Frage („One final question, Sir?“): Wo kommt der Wendepunkt? In diese oder in diese Richtung? Denn wenn das Ziel in Musselburgh sein sollte, das definitiv bereits hinter mir lag, musste der Wendepunkt irgendwo vor mir kommen. Da hellte sich sein Gesicht auf und er zeigte in Laufrichtung. „That dirrrection, not farrrr, maybe 1 mile.“. Daumen hoch. „Na also“, dachte ich, „geht doch“, …Wendepunkt…Ziel…Getränke…Busse…macht zwar entfernungsmäßig keinen Sinn, aber der Schotte wird schon wissen, wo’s langgeht. Ein Irrtum.

Was sich in den folgenden drei Stunden zutrug, ist eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen, ungläubigem Verfluchen der eigenen Planlosigkeit, der Erkenntnis, dass es aus dieser Nummer kein Entrinnen gibt, schlimmen Bein- und  Wadenkrämpfen, Gehstrecken, Versuchen den Lauf doch noch zu genießen und der über allem schwebenden Frage: Wo in aller Welt ist dieses Scheißziel? Denn natürlich kam nach einer Meile kein Wendepunkt, auch nicht nach zwei, dreien oder vier. Statt dessen führte die Strecke immer tiefer in die wirklich schöne schottische Natur hinaus, irgendwann durch einen Park, vorbei an einem Schloss, wieder entlang dem Meer, so ganz genau weiss ich es nicht mehr. Ich glaube bei Kilometer 34 oder 35 kam der Wendepunkt und mit ihm die Frage an mich selbst: „Was in aller Welt machst Du hier eigentlich? Jeder anständige Schotte sitzt Sonntags ab 14 Uhr im Pub, lässt sich volllaufen, singt unflätige Lieder und genießt das Leben. Und was machst Du?“

Dann tauchten Sätze aus dem Buch „Running Buddha“ von Salyong Mipham in meinem Kopf auf, das ich unlängst gelesen hatte. Kapitel zwanzigwasweissich…Vom Umgang mit Schmerzen: „Haben wir eine Beziehung zum Schmerz und verstehen wir ihn, macht uns das furchtloser und glücklicher“. Ob dieser tibetisch-indische Klugscheisser einen Hauch von Ahnung hat, wie sich meine Waden anfühlen? Anscheinend ja, denn ein ander Satz in seinem Buch lautet: „Jeder leidet“ (Erkenntnis 2017/2). Genau; sich einfach mal nicht so wichtig nehmen. Und wenn ich während des Laufens so rechts und links geschaut habe, gab es dort Leute, denen dieser Lauf noch viel schwerer gefallen ist als mir, und ich denke, sie haben sich diese Medaille wirklich verdient. Über diesen und anderen Gedanken tauchte nach 42 Kilometern der Zieleinlauf auf…Zuschauer, Zielzone, Medaille. „Leute“, hätte ich am liebsten gesagt, „das ist ein Versehen. Ich wollte nie hierher, ich bin nur hier, weil kein Bus gefahren ist und meine Tasche weg war“. Zudem bin ich eine unterirdische Zeit gelaufen (5h:11min, Platz 4976) und überhaupt, wo bin ich jetzt eigentlich? In Musselburgh? Muss wohl so sein, denn da standen sie plötzlich in einer sauberen lange Reihe…die roten Trucks mit den Taschen…ein strahlender Mann überreichte mir meine: „Good Job!“. Auch dieser Schotte hatte definitiv keinerlei Ahnung…

PS. Ach ja…der Halbmarathon…der hatte schon zwei Stunden früher stattgefunden…stand so im Programm, wenn man es gelesen hätte.

 

One more tune 2017/2: Paolo Conte, Max

Die Arena di Verona gehört wohl zu den schönsten Konzertlocations Europas…oder sind wir mal ganz unbescheiden…weltweit. Das 30 n. Chr. gebaute Amphitheater wurde von den Römern für Gladiatorenkämpfe und Wettkämpfe genutzt und seine Ränge fassen heute noch 22.000 Zuschauer. Berühmt ist die Arena für das seit mehr als 90 Jahren jeden Sommer stattfindende Opernfestival. Ich habe in den Bergen ausserhalb von Verona vor ein paar Jahren einmal den Mann kennengelernt, der die Pferde für die Opern in der Arena trainiert…ein echter italienischer Pferdeflüsterer mit einem Ara-Papagei auf der Schulter, der ihm nicht von der Seite weicht…könnte sein, dass der Papagei Max hieß…

2005 spielte der italienische Liedermacher, Komponist, Rechtsanwalt, Notar, Grafiker, Maler und Reibeisenstimme Paolo Conte dort dieses schöne Konzert. Mit dem Vibraphon und der Klarinette kommen dabei gleich zwei meiner Lieblingsinstrumente hörbar zu ihrem Recht. Setzen wir uns also an einem schönen Sommerabend für ein paar Minuten auf die noch warmen Steinstufen der Arena und lauschen den Klängen…der Rest ist wie ein Kommentar unter dem Clip sagt: „magica atmosfera“.

In the dead of winter…

Wer hat sich eigentlich ausgedacht, dass Regen „plitsch-platsch“ macht? Bei mir macht der Regen „Plop, plop…..plop….plop, plop“, jedenfalls wenn ich nachts im Bett liege, die Zimmerdecke anstarre und über das Wetter der vergangenen Wochen nachdenke. Um es kurz zu machen. Nass und kalt; wahlweise mit Wind oder mit noch mehr Wind. Sonnenuntergang in Berlin heute: 16:18 Uhr. Wie schön! Die Tage werden wieder länger! Wahrscheinlich bin ich über Weihnachten zum Weichei mutiert. Laufen bei Kälte, Dunkelheit und Regen ist für mich zurzeit Strafarbeit. Klar gab es in den vergangenen Wochen auch schöne Läufe. Der PLC-Lichterpaarlauf im Dezember, der Neujahrslauf zur Pfaueninsel, die Läufe in den Potsdamer Ravensbergen.

Und hinterher kann man sich das ja auch ein bisschen schönreden. Das Wetter war gar nicht so schlimm wie befürchtet und ist doch eigentlich auch egal, ob man nass wird…wenn man erst mal losgelaufen ist. Die Wahrheit ist: Meistens musste ich mich nach einem Blick aus dem Fenster erst mal überwinden. Zu kalt, zu windig, zu nass. Hören wir also auf mit den Ausreden: Die Motivation stimmt nicht! Das ist wahre der Grund, warum ich nach der Laufpause keinen richtigen Rhythmus gefunden habe, und das Training so vor sich hin mäandert. Dabei sind es bis zum nächsten Marathon nur noch knapp sechs Monate. Zeit also, aus den „Babuschen“ zu kommen, oder wie ein schwäbischer Handwerksmeister sagen würde: „Finger aus’m Arsch und laufa lassa!“

Hohe Zeit also, das zu machen, was ich mir vorgenommen habe: Den lästigen Rest an Emotionen über die Irrungen und Wirrungen des Lebens beiseite schieben, endgültig aufhören sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die ich ohnehin nicht ändern kann und mir einen Plan machen. Hirn aus! Schuhe an! Trainingsplan durchziehen! Da war sie also wieder, die gute alte Disziplin…schnell nochmal ins Lexikon schauen: Disziplin ist… 1. das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Verhaltensregeln o. Ä.; 2. das Sicheinfügen in die Ordnung einer Gruppe, einer Gemeinschaft. 3. das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen. 4. Wissenschaftszweig; Teilbereich, Unterabteilung einer Wissenschaft. Richtig…das „Beherrschen des eigenen Willens, um ein Ziel zu erreichen“. Irgendwann habe ich mir doch mal so ein Marathonbuch gekauft…verdammt wo habe ich es nur hingestellt…

…ahja..da ist es ja…Seite 38, Kapitel 5, Motivation und Zielsetzung: „Der einzelne Mensch unterscheidet sich von anderen Menschen in den Zielen, die er sich setzt. Große Ziele bewirken eine große Veränderung (Erkenntnis 2017/1). Keine Ziele bewirken Stagnation oder Rückgang….Nur bei einem innerlich gefestigten Ziel kann sich der unbändige Wille entwickeln, der sich über die aufkommenden Schwierigkeiten wie Zeitmangel, Erkrankung, Leistungseinbruch, Verletzung, schlechtes Wetter, usw. hinwegsetzt und die Einhaltung und Fortsetzung des Trainings gewährleistet.“

Verdammt…warum kennt dieser Schreiberling meine innerstes ich? Haben die Russen etwa nicht nur Hillarys Emails sondern auch meinen Kopf gehackt? Wenn ich es genau überlege, wäre ich aber nicht mal dann erpressbar – wie langweilig. Genaugenommen bin ich wahrscheinlich nur einer von hundertausenden halbdepressiven Winter-Motivationsloch-Weicheiern, die sich mit bis zu vier Lagen Laufklamotten und Stirnlampen durch Dunkeldeutschland quälen und für die man solche Lauf-Bücher schreibt. Und wenn schon!

Ich habe mal nachgeschaut. Am 7. April 2013 bin ich meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Das war in Berlin und mein Ziel war es anzukommen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffe – vorher. Und  es war ein unglaublich erhebendes Gefühl – hinterher. Seither gab es einige Läufe, einige Höhen und einige Tiefen. Aber wenn mich das Laufen irgend etwas gelehrt hat, dann die Gewissheit, dass – ganz egal was kommt – man einfach immer weiter laufen muss. Irgendwann fühlt man sich wieder besser…und am Ende gibt es etwas zu trinken. Also hohe Zeit, sich mit dem Regen anzufreunden. Denn es ist „bestes schottisches Wetter, der Regen fällt fast lotrecht, nur leicht von der Seite“, sagt der schottische Freiheitskämpfer William Wallace (Mel Gibson) mit triefender Mähne und tropfnassem Kilt im Film Braveheart, in dem sich Engländer und Schotten Ende des 13. Jahrhunderts blutig um die Herrschaft streiten. Hoffen wir mal, dass sie sich 2017 trotz Brexit-Streit besser verstehen. Denn wie viele richtig erraten haben, wird mich der Weg Ende Mai nach Edinburgh führen, wo der nach London zweitgrößte Marathon der Insel stattfindet. Und ich glaube einen schottischen Whisky mit Finisher-Medaille um den Hals lasse ich mir nicht entgehen.

Also was ist zu tun? Im Buch steht das ab Seite 39 ganz genau: 1. Hauptziel definieren: Einen Marathon in vier Stunden laufen. 2. Sich klar darüber werden warum: Weil mir die Zeit davonläuft. 3. Zeitraum festlegen: Berlin Marathon, 24. September 2017. 4. Fernziel? 2018 verletzungsfrei erreichen. 5. Zwischenziele: Ludwigsfelde Frühlingslauf, 25. März, 13,8 Kilometer in unter 1:20; Berlin Schönefeld, Airport Nightrun, 8. April, Halbmarathon unter 1:55; Edinburgh, 28. Mai. Marathon in 4:20.

Na also…das hätten wir schon mal. Und draußen? Da regnet und windet es. Macht nichts. Denn eins ist sicher: Am Ende der winterlichen Ödnis kommt der Frühling.

One more tune 2017/1: Joss Stone / Karma

Meine derzeitige Lieblingsmusikerin ist Joss Stone. Die Soulsängerin stammt aus der südwestenglischen Grafschaft Devon, wo sie in dem Haus wohnt, in dem sie aufgewachsen ist. Auch ansonsten scheint sie ziemlich auf dem Boden geblieben zu sein. Sie singt immer barfuß – weil sie Schuhe unbequem findet – bis auf Turnschuhe. Na Joss…dann haben wir ja wenigstens eins gemeinsam. 🙂 Sie hat eine unglaubliche Stimme, eine total positive Ausstrahlung, einen herrlich britischen Akzent, sieht super aus und ist – fürchte ich – auch noch intelligent. 2011 hat sie ihr eigenes Label Stone’d Records gegründet und macht seither was ihr gefällt. Hier der Song „The High Road“ aus einer Session für Billboard. Derzeit ist sie auf einer Welttournee, mit dem Ziel, in jedem Land der Erde zu spielen (Große Ziele bewirken große Veränderung). Dabei macht sie eine Menge wildes Zeugs mit einheimischen Musikern und hat aus Armenien diesen Mitschnitt ins Netz gestellt. Obwohl mir nicht alles gefällt, was die 29jährige im Laufe Ihrer Karriere so alles gemacht hat, halte ich sie für eine der besten Sängerinnen, die wir in Europa derzeit haben. Wie machen die Briten das bloß? Im ganzen Vereinigten Königreich leben zusammen genommen 20 Millionen Menschen weniger als in Deutschland und trotzdem haben sie so viele brillante Musiker. Vielleicht hat es damit zu tun haben, dass bei uns ganze Stadien ausrasten, wenn Helene Fischer atemlos herumleiert und das einzige Konzert von Joss Stone in Deutschland dieses Jahr in der Wackerhalle in Berghausen stattfinden wird…ich glaube ich gehe trotzdem hin.

„Zweiundvierzig“

„It’s important not to think.“ Zaphod Beeblebrox‘ Helm (Nachbau) 

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„Läufst Du vor irgendwas weg?“ Da stand sie diese Frage, schwarz auf grau, in diesem Facebook-Chat, den ich eigentlich so gut wie nie benutze. Hingeschrieben von einer Frau, die ich so gut wie nicht kenne. Wir hatten bis zur 10. Klasse dieselbe Schulbank gedrückt, das war’s. Irgendwie fühlte ich mich seltsam ertappt, und dann ins Grübeln gebracht. Was soll man denn darauf antworten? Vielleicht: Dass mir gefühlt das Leben im Wochentakt zwischen den Fingern zerrint? Oder, dass mir die Welt von Tag zu Tag ein komplizierter Ort wird? Oder: „War is just one shot away“, verbunden mit der Forderung, dass 2017 die Rolling Stones den Literaturnobelpreis kriegen sollten. Oder es vielleicht einfach mit Jean Paul Sartre versuchen: „Die Hölle, das sind die anderen“.

Das ist zwar alles richtig, nur Laufen ändert daran leider wenig. Zumal das mit dem Weglaufen ja so eine ähnliche Sache ist wie mit dem Weg-Reisen. Egal wohin man fährt oder läuft, man hat sich selbst ja immer im Gepäck. Deshalb spielt es auch überhaupt keine Rolle, vor was ich weglaufe. Viel wichtiger ist, wohin ich laufe. Leider habe ich aber auch darauf keine richtige Antwort gefunden. Vielleicht werde ich es wissen, wenn ich angekommen bin. Vielleicht auch nicht. Und sind vielleicht alle Fragen einfach „unpräzise“ und die Antwort lautet ohnehin immer 42. Ja, genau: 42! Und in Hongkong lächelt wissend genau jetzt ein Mann mittleren Alters und nickt. Wetten?

Bevor jetzt aber einer von Euch zum Hörer greift und zwei freundliche, aber  bestimmt dreinschauende Männer beauftragt, mich mit einer Zwangsjacke abzuholen, sei ein Einschub zur Aufklärung erlaubt…Machen wir uns mal für einen Moment nichts vor: Per Anhalter durch die Galaxis ist kein Roman. Und die Welt ist in Wirklichkeit nur eine Computer-Simulation! Falls jemand immer noch daran Zweifel hat, bitte bei Google den folgenden Satz eingeben: „the answer to life the universe and everything“. Und auf Antwort warten.

wp_20161015_20_03_43_proSchlimm…alles Bier im Berliner Späti…nur eine Simulation

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine außerirdische Kultur hat bereits vor längerem einen Computer namens Deep Thought gebaut, der die Antwort auf die Frage aller Fragen errechnen sollte, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Deep Thought war so leistungsfähig, dass er zum Zeitvertreib über die Vektoren sämtlicher Teilchen des Urknalls meditiert hat. Und nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren hat er folgenden Antwort ausgespuckt: 42. Diese Antwort ist natürlich total unbefriedigend, aber der Computer hat zurecht darauf hingewiesen, dass die Frage niemals präzise gestellt wurde (“I think the problem, to be quite honest with you, is that you’ve never actually known what the question is.”). Da er sich selbst aber auch nicht in der Lage dazu sah, die Frage zu ermitteln, hat er vorgschlagen, einen noch größeren, von ihm erdachten Computer zu bauen, so komplex, dass das organische Leben einen Teil seiner Arbeitsmatrix bildet. Dieser Computer ist der Planet Erde, der die ihm gestellte Aufgabe jedoch nicht abschließen kann, weil er fünf Minuten vor Ablauf des Programms im Rahmen des Verkehrsprojekts einer Hyperraumumgehungsstraße vom Volk der Vogonen gesprengt werden wird. Das erklärt übrigens auch den Trump’schen Wahlsieg und den ganzen anderen Rest. 

Im Lichte dessen, dass wir also offensichtlich im Wartesaal eines vogonischen Abrissprojekts herumleben ist die Frage, vor was ich weglaufe oder wie eigentlich der der Lauf in Chicago war, nun wirklich total Banane. Da es aber auch keinen Grund zu der Annahme gibt, dass im Universum der Bau von Hyperraumumgehungsstrassen relativ gesehen weniger Zeit brauchen als der Bau des Berliner Flughafens in der Simulation Erde, habe ich beschlossen mich für die kommenden Jahrzehnte zurückzulehnen und mit der Lauf-Planung für das kommende Jahr zu beginnen.

wp_20161009_08_13_34_proDie Menschen stehen staunend vor Vogonischen Raumschiffen 

Aber vorher noch kurz…wie war Chicago? Der Lauf in Chicago war ein Traum….oder besser gesagt ein perfekter Zeitabschnitt der Simulation Erde. Ich hatte das absolute Glück, dass das Wetter an diesem Tag zu 100 Prozent gepasst hat. Der Nachfolger von Deep Thought hat an dem Tag blausten Himmel, eine grandiose Wolkenkratzer-Kulisse und Zuschauer entlang fast der gesamten Strecke simuliert. Alles war super organisert – nirgends Schlangen – mit Ausnahme vor den Toilettenhäuschen entlang der gesamten Strecke – was mir  bei Kilometer 25 oder so mehrere Minuten Anstehen am Klohäuschen beschert hat…ich hatte einfach zuviel getrunken und so mal kurz ins Gebüsch ist in der USA-Simulation nicht möglich – überhaupt nicht. Es sei denn, man will unter Triebtäter-Verdacht in der nächsten Polizeireviersimulation landen. Auf dem Weg zum Start hatte sich dann noch meine Uhr verabschiedet – Blackout – vermutlich ein weiterer Wink der Vogonen, das mit dem Laufen nicht zu Ernst zu nehmen – also gings ohne Uhr über die Startlinie. Ich habe auf den ersten Kilometern zwei, drei Läufer gefragt, welche Pace sie laufen…da kamen dann aber Antworten wie 9.5 oder 10….ahja…klar…die Amis rechnen ja in Minuten pro Meile…wie war das nochmal…1,8 Kilometer, ne quatsch das ist die Seemeile…1,6 Kilometer pro Meile? Also 9,5 auf 1,6 Kilometer….macht….5,xx… das war mir dann irgendwie doch zu kompliziert.

wp_20161009_11_32_06_proTausende versuchen zu Fuß zu fliehen…
Deshalb bin ich einfach nach Gefühl drauflosgerannt…über Brücken, zwischen Hochausschluchten und durch die verschiednen „Neighborhoods“ Chicagos, von der wirklich jede anders aussieht. Es war ein großartiger Lauf und alles hat einigermaßen gepasst, aber so ab Kilometer 30-32 wurde es zäh in den Beinen und ich bin langsamer geworden – da baut wahrscheinlich der Computer Erschöpfungszustände ein – schon genial gemacht! Bei Kilometer 39 oder so (Mile 24) muss ich wohl so abgekämpft ausgesehen haben, dass eine ältere Dame, dem sehnigen Aussehen nach aber eine zähe Läuferin neben mir auftauchte: High-Five, einmal Abklatschen, einmal Lächeln. Ohne das ein Wort gefallen war, lautete ihre Botschaft – wir sind bis hierher gekommen, den Rest schaffen wir auch noch. Eine schöne Geste – und irgendwie war das das Signal zum Endspurt. Mit 4:30 habe ich meine Zielzeit von 4:15 nicht erreicht, aber das macht nix. Die Amis lassen es beim Laufen ohnehin relaxter angehen. Meine Platzierung: 13.529 von 39.262 Finishern, damit bin ich knapp hinter dem ersten Drittel gelandet, was mir in Deutschland mit dieser Zeit nicht passieren würde.  🙂

wp_20161009_11_40_32_proImmer Richtung 42…
Darum werde ich wohl nächstes Jahr nochmal versuchen, irgendwo in der Matrix die 42 zu laufen. Also, um ehrlich zu sein…ich habe mich schon angemeldet…in einem Landstrich, den ich läuferisch ehrlich gesagt bis jetzt nicht so auf dem Radar hatte. Aber manchmal muss man sich einfach in den Strom des Schicksals werfen (so’ne Art Random Funktion der Simulation) und schauen an welches Ufer man gespült wird. Ich habe dazu einfach meinen Sohn gefragt, wohin er gerne fahren würde. Denn nach dem Vater-Tochter-Trip nach Chicago steht 2017 „Männerurlaub“ an…seine Antwort war: Irgendwohin, wo es nicht so heiß ist…aha….herausgekommen ist eine Stadt über der diese Flagge weht…

edinburgh2„Es ist bestes…Wetter, der Regen fällt fast lotrecht, nur leicht zur Seite geneigt“. …und in der am 28. Mai 2017 Marathon gelaufen wird. Das ist ziemlich genau in sechs Monaten. So ganz grob heißt das drei Monate für die kurzen Läufe und hoffentlich gezieltes Training für den Rumpf und die Rückenmuskulatur und ab März dann drei Monate für die langen Läufe. Und deshalb endet dieses Wochenende auch die vierwöchige Laufpause….ach, ich hatte mich schon fast an die Faulenzerei gewöhnt…aber schließlich weiss ich auch nicht sicher, ob die Sache mit der Hyperraumumgehungsstraße doch schneller geht als vermutet.

One more Tune 2016/19: Gimme Shelter/Rollling Stones

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Sei immer Du selbst.
Es sei denn, Du kannst Pirat sein.
Dann sei Pirat. (Erkenntnis 2016/17) 
Mein Ziel wäre es, irgendwann so zu Laufen wie Keith Richards Gitarre spielt….Er ist bestimmt nicht der Schnellste, aber mit Abstand der Coolste. Vermutlich handelt es sich um das Konzert am 24. August 2003 im Trickenham Rugby Stadion, London – wie immer war ich nicht dabei – Mist!  Apropos coole Leute. Die „Backgroundsängerin“  heißt Lisa Fischer und sie war über 25 Jahre lang  mit den Rolling Stones auf Tournee…was für eine Sängerin…da wird sogar diese Jagger-Simulation erträglich.

„Get ready….“

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Batman wohnt in Chicago. Davon bin ich inzwischen fest überzeugt. Irgendwo hier in den Häuserschluchten residiert er unaufällig, als zuvorkommender Milliardär Bruce Wayne und wenn es Nacht wird, geht er auf Verbrecherjagd… in „Gotham City“. Zu tun hätte er genug, denn die Sirenen der Streifenwagen heulen hier oft und von Januar bis Anfang Oktober gab es bereits 551 Morde in der Stadt. „2016 Death Toll“, nennt man das hier, und jeder Tote wird im Internet fein säuberlich verzeichnet: Name, Age, Race, Cause: Shooting…so geht das hier.

Aber von der eskalierenden Gewalt, vor allem der der Schwarzen Gangs untereinander, kriege ich nichts mit…im Gegenteil…während es zu Hause regnet, frühstücke ich bei 25 Grad im Straßencafé und alle sind nett….jedenfalls solange das Trinkgeld stimmt. Vielleicht sehe ich mir das Elend der Obdachlosen auch nicht genau genug an, weil ich ganz einfach dauernd nach oben schaue…geht nicht anders.

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Selbst auf die Aschenbahn…begleitet mich der faszienierende Wald aus Wolkenkratzern. Als der liebe Gott die Welt erschaffen hat, sind ihm in Chicago anscheinend eine ordentlich Ladung Bauklötze aus der Tasche gefallen und seither machen sie sich hier einen Spaß daraus die kreuz und quer übereinander zu stapeln. Staunend stehe vor der Marina City, zwei runden wabenartigen Türmen, in deren unteren 15 Stockwerken Autos parken, und darüber schrauben sich Appartements wie Schwalbennester in die Höhe…so wird es wohl sein das 22. Jahrhundert….als ich erfahre, dass diese Türme zwischen 1959 und 1967 entstanden sind, kommt mir Deutschland auf einen Schlag wahnsinnig bieder und konservativ vor…jedenfalls was seine Architektur anbelangt.

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Das Art Instute of Chicago, die Lakefront, Chinatown, die Blues-Clubs oder einfach nur einen Becher Kaffee in die Hand und mit dem Wassertaxi Hochhäuser anschauen…ich könnte hier locker einige Wochen zubringen, auch ohne Marathon….ach richtig…der Marathon! Aber hier noch schnell ein bisschen Andy Warhol….

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In weniger als 24 Stunden geht es los und das Marathonwochenende ist selbst in diesem Ballungsraum mit knapp 10 Millionen Einwohnern nicht zu übersehen…alle kennen irgend jemand, der jemand kennt, der jemand kennt…selbst der Typ, der uns heute Morgen im Sunny Side Up Café (sehr empfehlenswerter Laden im historischen Harry-Potter-Häuschen, (Superior/Rush Street) hat schon viermal versucht einen Startplatz zu bekommen…ohne Erfolg.  Das macht dann doch ein bisschen demütig, zumal einem wirklich jeder viel Erfolg wünscht. Witzig ist auch, dass die Nationalitäten hier ganz anders verteilt sind als beispielsweise in Berlin. Es sind mehr Läufer aus Guatemala dabei als aus Deutschland und erst recht weniger als die 1738 Läuferinnen und Läufer aus Mexiko. 21.000 Runners kommen aus Chicago und Illinois. Und für einige der 1792 Texaner könnte es knapp werden, weil aufgrund eines Hurricanes ziemlich viele Flüge aus dem Süden der USA gestrichen wurden.

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Gut, dass mein Coach und ich schon ein paar Tage eher geflogen sind…oft wird meine Tochter Hannah wohl ohnehin nicht mehr mit mir verreisen…oder wie hat der alte schwarze Mann auf der Straße gesagt… „Aaa..what’s goin‘ on..aaaaand the young lady…she’s your daughta‘ or your girl?“ Ich habe ihn gefragt, was er wohl schätzt…“If she’s your girl, you’re a damn‘ lucky man.“  Den Dollar hat er sich doch echt verdient….ansonsten wär’s auch Abzocke gewesen, denn die Zeitung, die er uns dafür in die Hand gedrückt hat war ein Werbeprospekt.

Also jedenfalls war ich gestern bei der Startnummernausgabe im McCormick-Expogelände. Die Marathon-Messe ist so wie alle anderen auch…nur die Lage des Geländes am Ufer des Lake Michigan ist echt spektakulär. Ansonsten ist alles bestens organisert, bis auf den Shuttle-Verkehr…zwar durfte man sich die Bandscheiben in echten gelben amerikanischen Schulbussen ruinieren, aber der Verkehr war eine Katastrophe…auf der Hinfahrt ging irgendwann eine halbe Stunde lang gar nichts mehr…Blaulicht, Cops, Straßensperre…. „President Obama is in town“, …und da wird vorsichtshalber erst mal die Hochstraße gesperrt unter der wir standen …die Amis halt…immerhin ist mir der Obama praktisch übern Kopf gefahren.

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Gerüchteweise war der President aber weder wegen des Marathons noch wegen politischen Dingen in Chicago. Er kommt ja von hier und wollte sich ein Baseballspiel der „Cubs“ ansehen. Das ist sowas wie im Fußball St. Pauli in Deutschland…und irgendwie scheinen die Cubs dieses Jahr besser zu spielen als sonst. „Die Cubs haben seit über 100 Jahren keinen Titel mehr gewonnen, deshalb lieben wir sie“, erzählt mir ein Mann, der mir auf der Messe ein Abo der Chicago Tribune andrehen will…sogar das 20 Meter hohe Dinosaurier-Skelett vor dem Naturkundemuseum in Chicago hatte ein überdimensionales Cubs-Trikot an…in Amerika muss es halt alles immer eine Nummer größer sein…also wenn’s hilft feuern wir sie mit an…“Go Cubbies….!“ Jetzt noch ein bisschen relaxen…und dann geht es los…..Für morgen sind Sonne und Temperaturen zwischen 14 und 20 Grad angesagt…und obwohl Batman doch bestimmt dafür sorgen wird, dass alles ruhig bleibt in Gotham City…bin ich langsam doch ziemlich aufgeregt…deshalb gibt es heute auch keinen schlauen Erkenntnisspruch, sondern ein schönes Lied, das – warum weiß ich nicht – irgendwie zu Chicago passt:

One More Tone 2016/18: Bryan Adams/ I’m Ready

 

„Wer zu früh kommt….

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…ist auch unpünktlich!“ Mit dem Spruch hat sich mal ein Pilot aus dem Cockpit gemeldet, nachdem uns ein Orkan eine Stunde schneller als vorgesehen aus New York nach Frankfurt geblasen hatte und wir schaukelnd Warteschleifen über Waldhessen drehten. Wenn schon zu früh, dann wenigstens richtig, dachte ich mir und bin knapp eine Woche vor dem Berlin Marathon schon mal durchs Ziel am Brandenburger Tor gelaufen. Allerdings ohne Warteschleifen im östlichen Tiergarten, denn ich war schon im Anflug aufs Brandenburger Tor ziemlich am Boden…aber alles schön der Reihe nach.

In den vergangenen Wochen standen vor allem die langen Läufe auf dem Programm. Nach einem „Berglauf“ im Heidelberger Odenwald vor zwei Wochen…oh tat das in den Oberschenkeln weh am nächsten Tag…habe ich vergangenes Wochenende versucht, von Potsdam nach Berlin zu laufen.

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Irgendetwas muss man sich ja ausdenken für die langen Läufe, denn ansonsten kann das auch ganz schön öde werden. Allerdings haben ein paar Triathleten meinem Plan ein jähes Ende bereitet…am Einstieg in den Kronprinzessinnenweg flatterten im Grunewald rotweisse Absperrbänder – Fahrradstrecke für den Triathlon. Wohl einen Augenblick zu lang habe ich mit dem Gedanken gespielt, mich einfach unter der Absperrung durchzumogeln. Schon baute sich ein beleibter Verkehrspolizist aus der Hauptstadt vor mir auf: „Det is heut‘ awer JAAAAANNNNZZZ schlecht! Lofen’se am besten wieder Retouré.“ Is ja echt ’n dicker Hund, ey, aber allet Jenöle hilft ja nüscht…also hab ich einfach kehrt gemacht und als ich nach 30 Kilometern wieder in Babelsberg war, fühlten sich meine Waden ohnehin an, als wäre ich gerade durch ein Kneipbecken mit siedendem Tabasco gewatet… Aber der Langstreckenlauf lehrt ja Geduld…und das Brandenburger Tor steht ja vermutlich noch ne Weile. Diesen Montag war es dann soweit…Wetter passt, Zeit frei geschlagen, den inneren Schweinehund in den Kleiderschrank gesperrt, Schuhe an und los. Mein Ziel: Zu Fuß ins Büro am Berliner Gendarmenmarkt – mit vorherigem Zieleinlauf durchs Brandenburger Tor…und schon im ersten Streckenabschnitt hatte jemand diese Botschaft aufgehängt….ich konnte aber nicht klären, ob ich für diesen Lauf nun zu früh, oder zu spät dran war.

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Gleichzeitig sollt es ein letzter Test für die Schuhe sein… Ach ja….ich hab sie! Die Schuhe für Chicago! Nach einer mehrwöchigen Schuh-Krise, die mir in jeder Frauengruppe verständnisvolles Kopfnicken eingebracht hätte – um mal ein paar natürlich haltlose Klischees aus den unteren Schubladen des Geschlechterkampfs zu bedienen, stand ich irgendwann vor meinem Regal voller Turnschuhe und kam zu dem Schluss: Ich habe keine Schuhe! Beim Schuhhändler meines Vertrauens habe ich dann meine Schuhsammlung ausgekippt und ein Geständnis abgelegt: „Ich glaube ich habe einen Knall…“ Nach fachmännischer Beurteilung der Kandidaten für den Marathon, dann die schlecht-schlecht-gute Nachricht…kein Knall; zwei von drei Paar waren tatsächlich durch und dürfen künftig noch für Parkrunden oder zur Gartenarbeit an die Luft. Das dritte Paar ist zwar noch gut, aber für den Marathon einfach zu klein, denn die Füße latschen sich dabei dermaßen breit, dass man auf jeden Fall zwei Nummern größer als gewöhnlich einplanen muss. Ansonsten riskiert man einen Bluterguss unter den Zehennägeln, die sich dann später ablösen…hatte ich bereits einmal an zwei Zehen….tut nicht wirklich weh….aber schön ist was anderes. Wir sind uns dann relativ schnell einig geworden: Der adidas Ultraboost ist der Schuh meiner Wahl – bliiiiitzhässlich – aber egal – das Laufgefühl auf Asphalt und harten Böden ist genial!

Mit den neuen Schuhen am Fuß ging’s dann auch weiter nach Wannsee und durch den Grundwald immer weiter Richtung Norden. Und als nach 25 Kilometern irgendwann der Funkturm vor mir auftaucht fühlt sich Mensch und Material noch erstaunlich passabel an.

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Der „Lange Lulatsch“, wie die Berliner den 147 Meter hohen Funkturm nennen, wurde 1926 zur Funkausstellung eingeweiht. Mit der Ausstrahlung des ersten Fernsehbilds in Deutschland (1929) und des weltweit ersten regulären Fernsehprogramms (1935) hat der Funkturm nicht nur Technikgeschichte geschrieben; er scheint auch sehr solide konstruiert: Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Bomben einen der Hauptpfeiler der 400 Tonnen schweren Stahlkonstruktion und der Turm stand anschließend nur noch auf drei statt auf vier Beinen – aber er blieb trotzdem stehen.

Mein Lauf geht jetzt an der Messe vorbei durch Lärm, Abgase und 1000 Besucher aus – wahrscheinlich – China und einem Megastau rund ums Messegelände. Dort findet laut Plakaten gerade die Immotrans statt, eine Leitmesse für Verkehrstechnik. „Sehr überzeugend“, geht mir so durch den Kopf, denn die Experten für Bus und Bahn reisen anscheinend alle lieber mit dem Auto an. Na dann…Weiter geht’s die Kantstrasse runter……Ampeln, Fußgänger, Busse, Taxis…in den Baustellen rund um den Bahnhof Zoo wird die Strecke… „unlaufbar“, falls es dieses Wort gibt…jedenfalls kann man nur noch gehen. Und ich muss gestehen, dass die Laufpause auch ganz gut tut…denn inzwischen saugen mir irgendwelche bösen Männchen mit kleinen Röhrchen die Kraft aus den Oberschenkeln. Aus jeder Ecke dünstet jetzt Bratwurstfett, schales Bier und Döner…sonst ja gerne auch mal genommen…aber jetzt mir wird mir allein bei dem Gedanken an Currywurst speiübel.

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Hinterm Zoo muss ich dann auf die Zähne beissen, um nochmal anzutraben und die letzten Kilometer anzugehen. Tiergarten, rauf auf die Strasse des 17. Juni, rum um die Siegessäule und dann, nach ziemlich genau 32 Kilometern, taucht es endlich auf, das Brandenburger Tor! Ich laufe durch…und stehe etwas verloren zwischen Touristen, Bierbikes, Kleinkünstlern, die Faxen für die Touris machen, Transparenten für oder gegen irgendwas, und dahinter noch mehr Touristen…tja, wer zu früh kommt, ist eben auch unpünktlich. (Erkenntnis 2016/17). Ich blende den Trubel einfach aus, kaufe mir eine Flasche Wasser und gehe weiter ins Büro.

Da ich den Andreas wahrscheinlich vor dem Berlin Marathon nicht mehr sehe: Ich drück Dir (und allen anderen PLC’lern) die Daumen, dass Du am Sonntag leichten Fusses durchs Brandenburger Tor kommst. Ich habe ja noch zwei Wochen länger Zeit….zumindest habe ich jetzt die Gewissheit, dass ich bis Kilometer 30 kommen werde. Irgendwo danach steht er dann, der Whippingpost! Oder frei nach der britischen Komikergruppe Monty Python:
„Zur Kreuzigung?“
„Ja“
„Zur Tür hinaus, linke Reihe, jeder nur ein Kreuz.“
„Kreuzigung ist grausam.“
„Ja, aber wenigstens ist man dabei an der frischen Luft.“

Irgend etwas wollte ich doch noch über Engel sagen….ich weiß jetzt gerade gar nicht, wie ich von Kreuzigung auf Engel komme, ach ja..wegen der Briten…es wird nämlich Zeit sich bei einem Engländer zu entschuldigen, dem ich viele Jahre Unrecht getan habe:

One More Tune 17/Robbie Williams/Angels

Er mag vielleicht nicht der größte Musiker unter der Sonne sein, aber als Entertainer ist dieser Mann mit den verschwitzen Haaren und der knitterigen Jacke allerste Sahne. Wer es schafft, so viele Menschen dazu zu bringen, gemeinsam ein Lied über die Liebe zu singen, hat in meinen Augen mehr für deren Seelenheil und den Weltfrieden erreicht, als der ganze Haufen Nächstenliebeapostel und Achtsamkeits-Deppen zusammen. Also lieber Robbie Williams…ich nehme alles zurück und behaupte fortan das Gegenteil. Dein Song „Angels“ kommt auf die Playlist für Chicago…weil er so schön ans Herz geht :).  Das Konzert fand übrigens im Jahr 2003 im Garten der Familie Lytton in Knebworth House statt. Das liegt in der englischen Grafschaft Hertfordshire, und man sollte weder die Engländer noch ihre Landadeligen unterschätzen. In Knebworth spielten seit 1974 unter anderem Led Zeppelin, Pink Floyd, Genesis, Queen, Deep Purple, Oasis, die Red Hot Chilli Peppers und natürlich die unvermeidlichen Rolling Stones. Ich war kein einziges Mal dabei und bei mir im Garten spielen in ähnlicher Lautstärke höchstens die Nachbarskinder.

Immer wieder sonntags…

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Langsam aber sicher geht die Marathon-Vorbereitung  in die Kurve vor der Zielgeraden. Sonntags ausschlafen ist da schon länger nicht mehr – stattdessen der „lange Lauf“. Aber selbst „lang“ ist eben Ansichtssache: Als ich eines schönen sonntagmorgens in den Park trabe – um 7:30 Uhr – immerhin 30 Minuten habe ich schon rausgehandelt – trabt mein Trainingspartner schon in bester Laune auf und ab. Ich schlage die Strecke zum Löwendenkmal am Wannsee vor –  hin und zurück ungefähr 25 Kilometer. „Ach so“,  kommt es da etwas enttäuscht zurück. „Du willst heute die kleine Runde machen.“  Vergeblich forsche ich nach wenigstens ein klein wenig Ironie in seiner Stimme. Doch beim Training kennt der Norddeutsche im Allgemeinen kein Vertun: 30 Kilometer sind der Plan. „Kannst ja noch was hinten dran hängen“, quetsche ich hervor und trabe los. Nun denn…wir sind dann immer schön im Schatten am Wasser lang zum Löwendenkmal. Ich war nach den 25 Kilometern trotzdem bedient. Und der Andreas hat anschließend die 30 noch vollgemacht.

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Eine Woche später: Wir haben unserere individuelle Schlösserlauf-Runde (Park Babelsberg, Glienicker Brücke, Cecilienhof, Pfingstberg, Buga-Park, Neues Palais, Sansoucci, Holländerviertel, Babelsberg noch um die lange Baumallee Richtung Golm verlängert…sechs Kilometer kerzengerade schult den Blick und stählt die Psyche. Als Beigabe haben wir auf dem Rückweg noch die Treppen von Schloss Sansoucci mitgenommen…so’n bisschen Rocky für Arme und ohne Musik…egal, die japanischen Touristen hat es trotzdem amüsiert. Ich war dann nach 28 Kilometern wieder ausreichend bedient. Und der Andreas hat anschließend die 30 noch vollgemacht.

Letzten Sonntag war dann nochmal Zwischenprüfung: Sport-Scheck-Stadtlauf in Steglitz/Zehlendorf: 21 Kilometer – Halbmarathon. Der Start war unterhaltsam, weil ich mich mit einem Erdinger-Glas befreundet habe.

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Das Glas war eigentlich mit einer Erdinger-Flasche verabredet, aber die Flasche ist irgendwie nicht erschienen – und da war das Glas ein bisschen angesäuert. Kein Problem – Flaschen gibt es genug; und deshalb habe ich mich spontan als Ersatz angeboten – fürs Foto :). Also, Respekt vor solchen Jobs – das Ding wiegt fünf bis sechs Kilo und wird mit einem Rucksack-Tragsystem geschultert. Aber das eigentlich nervige an so einem Kostüm ist die Hitze und die schlechte Sicht. Der arme Kerl ist damit einen Halbmarathon gerannt. Nun gut. Auch „arm“ ist relativ. In Aleppo würden sich wahrscheinlich viele Menschen gerade wünschen, aus Spaß an der Freude zu rennen…aber das ist ein anderes, und leider scheißernstes Thema.

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Jedenfalls, nachdem ich das Glas seinem Schicksal überlassen habe, gings recht pünktlich über die Startlinie. Der Lauf insgesamt lief gut. Ich habe das Ziel in knapp unter zwei Stunden erreicht – ein bisserl schneller wäre auch schön gewesen, aber….vor allem habe ich wieder was gelernt: Erkenntnis 2016/16: Egal was passiert – Plan durchziehen und sich nicht kirre machen lassen. Man hat es 100mal gehört, gelesen, verstanden und macht es falsch: Es war anfänglich auf der Strecke sehr voll und etwas chaotisch. Weil ich mich relativ weit hinten aufgestellt hatte, konnte ich mein geplantes Tempo zuerst gar nicht Laufen…als sich dann alle sortiert hatten, dachte ich, ich müsste jetzt mal schneller laufen, um die Zeit wieder reinzuholen. Und schon denkt man darüber nach den Plan zu ändern. „Geht doch eigentlich gut, also vielleicht doch insgesamt schneller laufen?“ Ein paar Kilometer später….“Äh..ne..doch lieber wieder langsamer…oder doch Tempo halten?“ Dafür habe ich im letzten Drittel dann die Quittung bekommen und wahrscheinlich das doppelte an Zeit verloren. Egal: „Laufen aus Freude“, heißt es ja beim Potsdamer Laufclub…und deshalb beim Zieleinlauf….Bitte Lächeln!

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Apropos PLC, weil die Welt eben ein Dorf ist, habe ich per Zufall ein paar Vereinskollegen getroffen. Wo? Na, auf dem Parkplatz von McDonalds….wo denn sonst? Und wie wir da alle so stehen, um uns vor dem Start noch zwei, drei Big Macs reinzutun…haha, denkste! Ich wurde dort bei etwas ganz anderem ertappt, nämlich dabei, dass ich mich nicht als PLC-Mitglied angemeldet hatte…weil ich meine für einen Laufverein wahrscheinlich peinliche Zeit nicht so öffentlich  machen wollte. Ist natürlich totaler Quatsch – denn jeder läuft halt so gut er kann, und nur darauf kommt es letztlich an.  Also…Ich gelobe Besserung und werde mich künftig ordentlich anmelden! Dann muss der Trainer auch nicht 20 Minuten in Ergebnislisten herumkramen. Ach ja, ich weiß nicht, was der Andreas letzten Sonntag gemacht hat. Er ist in den Urlaub gefahren. Aber ich könnte wetten, dass er irgendwo kurz nach Sonnenaufgang die 30 Kilometer voll gemacht hat.

One More Tune: Alligatoah/ „Lass liegen“  

Damit ich auch musikalisch mal dranbleibe geht’s diesmal ins Jahr 2015 und in den Plattenschrank – ach quatsch  – natürlich aufs Smartphone meiner Tochter Hannah. Sie hat mir neulich dieses Lied von Aligatoah vorgespielt, das irgendwann letztes Jahr auf Platz 1 in den Charts war…ist mir glatt entgangen. Hinter der Band verbirgt sich ein Typ mit dem Namen Lukas Strobel aus Niedersachsen, der jetzt in Berlin lebt…und damit ist wohl auch das meiste über ihn gesagt. Jedenfalls vertreibt der Song beim Laufen die Zeit. Und bei allem Gemotze über die  kommerzialisierte Gesellschaftskritik einer ohnehin nur spaß- und konsumgeilen Jugend…künstlerisch ist das ist allemal besser als die jammernden Weltverbesserungsbarden, die in den 80er und 90er Jahren so am Start waren.

Blau zu Schwarz – Läuft!

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Manchmal ist die Welt so intensiv, dass man sie fast nicht aushält. Zum Beispiel wenn in Berlin die „blaue Stunde“ schlägt, man gerade den City-Nachtlauf gelaufen ist, sich aus der schweissnassen Menschenmenge stiehlt und in einem menschenleeren Winkel an der Gedächtniskirche kurz Luft holt. Und plötzlich hämmert dieses fast unwirkliche Schwarzblau vom Himmel, das die Stadt für ein paar Minuten in eine mystische Atmosphäre taucht. Irgendwie macht das Licht alles intensiver, die Lichter, die Farben, die Stadt…die mich dann am Bahnhof Zoo wieder auf den Boden der Realität holt….“Ey, haste mal ’n bisschen Kleingeld?“ „Ne, ey…hab ich mal nich.“ Ich habe eine Flasche Tannenzäpfe in der Hand, ey…und die trinke ich jetzt ganz alleine.

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Also, genau genommen trinken wir zu zweit. Und  genau genommen sind es auch zwei Flaschen Tannenzäpfle. Die andere hält Christian aus Babelsberg in der Hand, der gerade seine neue Bestzeit gelaufen ist. 10 Kilometer in 42 Minuten! Das muss ja irgendwie gefeiert werden. Ich bin auch zufrieden. Meine Zielzeit für den 10er-Testlauf habe ich um eine Minute unterboten…Wetter super…klasse Lauf! Berlin vom Feinsten!

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Ansonsten? Läuft! Die Knieprobleme habe ich relativ gut im Griff. Das Training ist so halbwegs im Plan und ich habe eine Schuh-Entscheidung getroffen: Den Marathon werde ich definitiv nicht mit dem adidas boost laufen. Für die 10 Kilometer ein super Schuh, aber über die volle Marathon-Distanz hat er – jedenfalls für mich – zu wenig Dämpfung. Wahrscheinlich wird es also der Asics werden. Es wird auch langsam Zeit sich ein paar Gedanken über Chicago zu machen….70 Tage noch…more or less…wenigstens ist der ganze organisatorische Kram erledigt. Flug gebucht Hotel klar gemacht, mittendrin, Laufnähe zum Start und noch wichtiger: Laufnähe zum Ziel! Ich habe zwar immer noch niemanden gefunden, der mitkommen möchte, aber was soll’s. Laufen ist ja ohnehin eher was für Individualisten.

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Was gibt’s denn sonst noch zu berichten? Ach ja, letzten Dienstag im Lauftraining hat mich der Potsdamer Lauf Club sozusagen aus heiterstem Himmel mit einem Geländeorientierungslauf überrascht. Abwechslung bringt ja bekanntlich Würze ins Leben. Jedenfalls ging es mit der Laufgruppe ab in den Wald, wo uns eine Expertin des Orientierungslaufvereins Potsdam in Empfang nahm. (Erkenntnis 2016/15: Es gibt nichts, was es nicht gibt.) Mit einer Karte, Kompass und einer Art USB-Stick am Finger ging es dann immer zu zweit oder dritt auf die Strecke, die man mit Karte und Kompass selbst ausknobeln musste. Ziel war es, zehn Markierungen im Wald zu finden. Es gibt keine vorgegeben Laufstrecke…alles ist erlaubt, Waldwege, Abkürzungen oder eben Luftlinie durch Unterholz und Brombeersträucher.

012Bild: OLV Potsdam 

Also wie soll ich es sagen, war auch mal interessant…zum Glück arbeitet meine Teamkollegin bei der Bundespolizei und konnte mit Karte und Kompass umgehen…ansonsten würde ich vielleicht jetzt immer noch im Wald umherirren. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich bei Dämmerung im Wald ohne Brille wohl keinen Flüchtigen stellen würde…es sei denn er wäre beleuchtet und würde ab und zu mit einem Schiffshorn hupen.

Aber das Schöne an der Lauferei ist ja…mit all dem muss ich nicht meinen Lebensunterhalt verdienen. Also kann ich mich an der Stelle entspannen. Oder hat Christian vielleicht recht, der mir auf der Rückfahrt vom Citynachtlauf ins Gewissen geredet hat: Du könntest noch schneller Laufen, wenn Du dich mehr quälen würdest, mal richtig an die Grenze gehen….ja…kann sein, aber auch mein Leben jenseits der Lauferei ist anstrengend und gefühlt zu oft jenseits der Grenzpfosten….ich werde trotzdem mal darüber nachdenken. Aber nicht zur blauen Stunde…denn dann wird blau zu schwarz und Berlin zu meinem Sehnsuchtsort.

One More Tune/15: Peter Fox/Schwarz zu blau

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Im Jahr 2009 hat Pierre Baigorry ein Album veröffentlicht, das in Deutschland die Charts erobert hat. Der Sohn eines Berliners und einer baskischen Französin hatte in Berlin zunächst das französische Gymnasium besucht und dann allerhand versucht: Klavierbauerlehre, Plattenladen, Sonderschulpädagogik. Hat aber (zum Glück) alles irgendwie nicht geklappt; dafür aber mit der Musik. Da nennt er sich Peter Fox und ist einer der Frontmänner der Berliner Reggae-Dancehall-Formation SEEED. „Schwarz zu blau“ ist nicht nur ein super Lauflied, sondern beschreibt ziemlich gut, was in Teilen von Berlin bei Nacht so abgeht. Der Text wird doch tatsächlich inzwischen in Schulen im Deutschunterricht als „Großstadtlyrik“ behandelt…muss ich mir vor Augen führen, wenn ich mir das nächste mal von der Warschauer Brücke nach Friedrichshain rüber den Weg durchs Scherbenmeer und Hundekacke bahne…Ist alles Kunst hier!