Angkor What?

Der Tuk-Tuk-Fahrer steigt so hart in die Bremse, dass ich fast von der Sitzbank segele. „From here you have to walk“. Ich drücke ihm das ausgehandelte Geld in die Hand, packe meinen Rucksack und laufe los. Irgendwo da vorne muss der Grenzübergang zwischen Thailand und Kambodscha sein. Jetzt heisst es in keine der Fallen zu tappen, vor denen ich gewarnt worden war: Dubiose Vermittler, falsche Grenzbeamte, überteuerte Visa, Bestechungsgelder. Kambodscha ist nicht nur ein sehr armes, sondern auch eines der korruptesten Länder der Welt.

Zunächst sieht es aus wie der übliche Imbiss- und Krempelmarkt. Doch irgendwann zeigt ein kleines Schild mit der Aufschrift „Border“ nach links und ich folge ihm. Tatsächlich stehe ich kurz darauf vor dem Gebäude der thailändischen Ein- und Ausreisebehörde. Anstellen, Ausreisestempel, weiter. “Ist doch gar nicht so schlimm”, denke ich mir und gehe weiter. Es ist brüllend heiß und es riecht nach einer Mischung aus vergärendem Müll, Abgas und dem Dampf von Garküchen am Strassenrand. Inzwischen läuft mir der Schweißden Rücken hinunter. Die Strasse säumen jetzt riesige Kasinos; hier im Niemandsland blüht das Geschäft mit thailändischen Glücksrittern aus dem 250 Kilometer entfernten Bangkok, denn in Thailand ist Glücksspiel verboten. Nach ein paar hundert weiteren Metern erreiche endlich die Grenze nach Kambodscha.

Im Wartesaal des „Visa on Arrival“ Büros hängen drei Uniformierte herum. Einer schläft, einer kocht und der dritte starrt stumpf die Wand an. Komischerweise bin ich der einzige Antragsteller im Raum. Misstrauisch fülle ich das Formular aus und will meine 30 $ Visagebühren auf den Schalter blättern. Da erhebt sich einer der Soldaten, nimmt meinen Reisepass und schreibt auf einen Zettel „30 $ + 100 Baht Fee“. Zähneknirschend schmiere ich zum ersten mal in meinem Leben einen Beamten. 100 thailändische Baht – rund 2,50€ – zumindest ein überschaubarer Betrag. Dafür läuft danach alles “wie geschmiert”. Er reicht den Pass durch eine getönte Scheibe, ich werde fotografiert, meine Fingerabdrücke werden eingescannt und nach fünf Minuten klackern die Stempel in meinen Pass. Kurz darauf reise ich ein, ins Königreich Kambodscha.


Direkt hinter der Grenze liegt auf kambodschanischer Seite die Stadt Poi Pet. Grenzorte sind ja selten echte Perlen urbanen Lebens, aber Poi Pet ist mit Abstand der mieseste Ort, den ich seit langem zu Gesicht bekommen habe. Heruntergekommen, staubig, voller Müll und randvoll mit Halsabschneidern. Man kommt von der Grenze erst einmal gar nicht ohne weiteres weg. Und ich höre zum ersten mal den Satz, der mich noch öfter durch Kambodscha begleiten wird: „Wait here“.

Ich warte auf einen offiziellen, kostenlosen „Shuttlebus”, der die Ankommenden zu einem Busbahnhof ausserhalb der Stadt bringen soll. Taxis sind direkt hinter der Grenze angeblich verboten. Warum weiss nur der liebe Gott und die Transport-Mafia in Poi Pet, die angeblich in Zusammenarbeit mit der Polizei alles kontrolliert. Der Bus kommt natürlich nicht. Noch bin fest entschlossen nicht nachzugeben. Doch die Hitze und der Gestank kochen mich gar. Also spreche ich irgendwann einen der Schlepper an. Für einen Dollar (Der US-Dollar ist de facto die Währung Kambodschas, mit dem kambodschanischen Riel bezahlt man nur Kleinbeträge unter einem Dollar) organisiert er einen Mopedfahrer und eine Minute später lassen wir die verdammte Grenze hinter uns – zu dritt auf einem Moped mitsamt meinem Gepäck.


Es gibt auch einen König in Kambodscha von dem es viele Bilder in den Strassen gibt.

Rund zwei Kilometer später halten wir bei einem „Taxiunternehmen“, das mich in die Provinzhauptstadt Battambang bringen soll. Ich verhandle und bezahle 18 $ für die Fahrt und 2 $ für den Vermittler. “Wait here,” sagt der Taxiunternehmer. Dann passiert erst einmal gar nichts. Vielleicht eine halbe Stunde später kommt ein Fahrer mit einem uralten Nissan Minivan und lädt mich ein. Allerdings ist nach zwei Minuten die Fahrt schon wieder zu Ende. Der Fahrer hält am Strassenrand und steigt aus. Ich frage ihn was los ist, aber er spricht kein Wort Englisch oder Französisch. Das einzige, was er immer wieder sagt ist „Battambang, Battambang“. Dann kichert er wie irre und haut mit der flachen Hand wahlweise vorne oder hinten aufs Autoblech und murmelt beschwörende Formeln. Habe ich es mit einem Wahnsinnigen zu tun?

Ich bin nicht gerade ängstlich, aber als neben dem Auto ein paar Straßenkinder anfangen, sich mit benzingefüllten Plastiktüten ins Koma zu schnüffeln, fange ich an, darüber nachzudenken, ob die Sache mit dem Taxi wirklich eine gute Idee war. Wir warten eine weitere Stunde und nach und nach trudeln Mopeds und Autos mit weiteren Fahrgästen ein. Als das Auto endlich voll ist fahren wir los. Denkste. Wir gondeln noch eine weitere geschlagene Stunde kreuz und quer durch Poi Pet, laden Menschen ein und wieder aus. Phasenweise war es im Auto so voll, dass sich der Fahrer seinen Sitz mit einem Fahrgast teilt. Irgendwann gegen Abend erreichen wir dann doch noch Battambang, wo mich der Fahrer einfach irgendwo rauskippt, weil er sich offensichtlich genauso wenig auskennt wie ich. Ein Tuk-Tuk-Fahrer schaukelt mich dann schließlich zur gebuchten Unterkunft. Nach mehr als 12 Stunden für die knapp 400 Kilometer von Bangkok bis hierher, lese ich abends im Internet nach, dass der Taxifritze mich abgezogen hat. Statt der angemessenen 10 $ für die rund 120 Kilometer Strecke hat er von mir fast das Doppelte kassiert. Soll ich mich ärgern? Nein. Ich bin in Battambang und er in Poi Pet. Das ist Strafe genug.


Hat man die Grenze erst einmal hinter sich, ist Kambodscha ein wirklich sehenswertes Land und das Volk der “Khmer” sind unglaublich nette Menschen, obwohl sie in ihrer Geschichte soviel erdulden mussten. Das kleine Land ist seit Jahrhunderten ein Spielball zwischen den Weltmächten und seiner größeren Nachbarn Thailand und Vietnam. Von 1863 an war Kambodscha zuerst französisches Protektorat, dann bis 1954 Kolonie. Zum Ende der 1960iger Jahre wurde Kambodscha Nebenkriegsschauplatz des Vietnamkriegs an, dessen Ende die Amerikaner den Osten des Landes bombardierten. Im Anschluss tobte von 1970 bis 1975 ein erbitterter Bürgerkrieg in Kambdoscha, der mit dem Sieg der Ultra-Maoisten, besser bekannt als „Rote Khmer“, endete.

Quelle: Euronews

Für die Kambodschaner begann damit die schlimmste Zeit ihrer jüngeren Geschichte. Pol Pot, der Führer der „Khmer Rouge“, wollte in Kambodscha einen radikalen Agrarkommunismus umsetzen und verwandelte das Land in ein riesiges Arbeits- und Gefangenenlager. Die Bevölkerung der Hauptstadt Phnom Pen wurde binnen Wochen nahezu vollständig in ländliche Gebiete umgesiedelt. Die buddhistische Religion wurde verboten, Geld abgeschafft, Bücher verbrannt. Lehrer, Händler und die intellektuelle Elite des Landes wurden zu Tausenden ermordet. Schon kleineste Vergehen oder der leiseste Verdacht konnte den Tod der gesamten Familie bedeuten. Wer zu spät zur Arbeit kam, konnte wegen des Verdachts auf Sabotage hingerichtet werden. Zwischen 1,5 und zwei Millionen Kambodschaner haben die roten Terrorherrscher umgebracht, bevor 1979 eine vietnamesische Invasion dem Spuk ein Ende bereitete.

Ich besichtige die sogenannten „Killing Caves“ , auf dem Phnom Sampeau, dem einzigen Karsthügel, der sich aus der Ebene der Reisfelder rund um Battambang erhebt. Hier unterhielten die Roten Khmer eines ihrer Gefängnisse – Inhaftierung bedeutete fast immer den Tod. Die Verhafteten wurden in einem umfunktionierten Tempel verhört und anschließend zu den rund 200 Meter entfernten Höhlen gebracht. Dort hat man die Menschen mit Knüppeln erschlagen oder ihnen mit Messern die Kehlen durchgeschnitten, um Munition zu sparen. Kinder wurden solange gegen Bäume geschlagen bis sie tot waren. Danach hat man ihre Körper durch Löcher in die Höhlen geworfen; getrennt nach Männern, Frauen und Kindern. Mein Fahrer und Fremdenführer erzählt mir, dass nicht alle Opfer sofort tot waren, sondern teilweise von unten noch um Hilfe riefen. Erkenntnis 2019/2 Eigentlich möchte man es nicht wissen – aber es ist wichtig zuzuhören, wozu Menschen fähig sind.

Nach dem Ende des roten Terrors folgten 10 Jahre Besatzung durch die Vietnam, bewaffnete Konflikte mit China und ein bis in die neunziger Jahre dauernder Guerillakrieg gegen die Roten Khmer, die nach dem Ende ihrer Terrorherrschaft von Thailand, China und den USA unterstützt wurden, um dem Moskau hörigen Vietnam zu schaden. Die Logik internationaler Interessenpolitik ist nur schwer erträglich. Das bittere Erbe der vielen Konflikte: Bis heute liegen in Kambodscha noch über fünf Millionen Landminen im Boden vergraben. Besonders im Norden und Westen des Landes sollte man deshalb nicht auf eigene Faust abseits sicherer Regionen durch Felder oder Dschungel wandern. Bis heute verlieren jedes Jahr hunderte Kambodschaner durch Minen ihr Leben oder werden verstümmelt.

Minenopfer, die in der Tempelanlage Angkor Wat musizieren, um Spenden zu sammeln

Wirtschaftshilfe bekam das Land nach der Besetzung durch Vietnam in beschränktem Umfang nur von den Staaten des Ostblocks, aber auch die kam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fast vollständig zum Erliegen. Erst in den neunziger Jahren hat sich der Westen nennenswert engagiert. Aber bis heute rangiert Kambodscha unter den ärmsten Ländern und liegt gemessen an der Wirtschaftskraft pro Einwohner hinter Bangladesh oder dem Jemen. Kein Wunder, dass die Regierung nur zu gerne die “Hilfe” Chinas annimmt, das im großen Stil Kredite vergibt und in Kambodscha investiert. Das Geld aus China ist bequemer für die Regierenden, denn im Gegensatz zu westlicher Entwicklungshilfe ist es nicht an politische Bedingungen geknüpft. Überall im Land sieht man chinesische Fabriken im Aufbau, daneben kasernenartigen Unterkünften für die Gastarbeiter, die China gleich mit exportiert. Sihanoukville an der Küste Kambodschas ist eine einzige Großbaustelle. Hier soll das Las Vegas Asiens entstehen, denn in China ist Glücksspiel ebenso untersagt wie Thailand. Und so investieren chinesische Investoren in riesige Kasinos und Hotels, in denen alles auf Chinesen abgestimmt ist – bis hin zum Personal. Dass das bescheidene Wirtschaftswunder vor allem China nützt, und für die Kambodschaner auf lange Sicht nur Brotkrumen und Hilfsjobs abfallen, scheint die Regierung billigend in Kauf zu nehmen.

Ich habe rund um Battambang verschiedene kleine Familienbetriebe besucht. Mit einfachsten Mitteln verarbeiten die Leute dort, was die sehr fruchtbaren Böden hergeben: Reis, Bananen und viele andere Früchte. In einem Betrieb wird seit Generationen Reispapier hergestellt, in der die auch bei uns beliebten weißen Frühlingsrollen eingewickelt werden. Gebacken wird der hauchdünne Teig nur für wenige Sekunden auf einem Ofen, der mit dem Spreu gedroschener Reiskörner gefeuert wird. Danach werden die fast durchsichtigen Fladen in der Sonne getrocknet. Denselben Brennstoff benutzte auch eine Reisschnapsbrennerei. Stolz erzählt der Besitzer, dass sein Reisschnaps, mit über 50% Alkoholgehalt und mit Schlangengift versetzt, zur Linderung von Schwangerschaftsübelkeit verabreicht wird. Wie heißt es…richtig ist, was hilft. An Kindern mangelt es in Kambodscha jedenfalls nicht. 

Bis zu 2.500 Reispapierfladen stellen die zwei jungen Frauen pro Tag her.

Tags darauf sollte es mit dem Schiff weiter gehen, entlang dem Fluss Sangker in Richtung Siem Reap. Doch da der Pegelstand während der Trockenzeit zu niedrig ist, rumpelte ich die ersten anderthalb Stunden auf der Ladefläche eines überfüllten Kleinlasters inklusive 300 Eiern über Feldwege und durch Buschwald bis zu einer Bootsanlegestelle, die ich wohl auf keiner Karte wiederfinden würde. Und nach einem kurzen “wait here” tauchte tatsächlich das Schiff auf. Auf dem träge fließenden Fluss ging die Fahrt durch den Westen von Kambodscha, vorbei an Fischern und schwimmenden Dörfern, die zumeist nur über den Fluss erreichbar sind.

Das “Schnellboot” von Battambang nach Siem Reap braucht sechs bis neun Stunden

Die Flussnomaden bauen ihre Hütten auf Schiffe und Flöße, da während der Regenzeit das gesamte Gebiet überschwemmt wird. Praktischerweise schwimmen die Häuser dann obenauf. Manche nutzen die Trockenzeit, um am Ufer ein wenig Ackerbau zu betreiben, doch die meisten sind Fischer oder züchten Krokodile, die in schweren drahtgesicherten Holzverschlägen im Fluss vor sich hin dämmern. Trotz aller malerischen Szenerie eines Lebens aus einem anderen Jahrhundert, sind die Lebensumstände Flussbewohner alles andere als romantisch. Strom und sauberes Wasser sind Mangelware und besonders die kleinen Kinder erkranken während der Regenzeit immer wieder am Dengue-Fieber; das ohne medizinische Behandlung tödlich enden kann. 

Nach rund sechs Stunden erreicht das Schiff den Tonle-Sap, den größten Binnensee Südostasiens, der gleichzeitig eines der fischreichsten Binnengewässer der Welt ist. Dort ist im Juni zu Beginn der Regenzeit ein weltweit einzigartiges Naturphänomen zu beobachten. Während sich der See im Norden aus verschiedenen Flüssen speist, mündet sein Abfluss im Süden in den Mekong. Während der Monsumregenfälle und der Schneeschmelze im Himalya führt der Mekong jedoch soviel Wasser, dass der Nebenfluss seine Fließrichtung ändert und der Tonle-Sap wie ein gigantisches Überlaufbecken seine Oberfläche um das Drei- bis Vierfache auf über 10.000 Quadratkilometer ausdehnt. Das ist rund rund zwanzigmal so groß wie der Bodensee.

Nach zwei weiteren Stunden erreichen wir schließlich die Stadt Siem Reap und die Tempelruinen von Angkor Wat, und die Zivilisation und der Massentourismus haben mich wieder.

Tempelanlage Bayon in Angkor Thom – was soviel heisst wie “große Stadt”

Ich weiss es nicht genau, aber es müssen Tausende von Touristen sein, die täglich hierherkommen kommen, um die zum Weltkulturerbe gehörende Tempelanlage Angkor Wat und die viele anderen Tempelanlagen anzuschauen, die rund um Siem Reap im Wald liegen. Jedenfalls ist es bereits zum Sonnenaufgang vor sechs Uhr brechend voll. Zwischen 1200 und 900 Jahre alt sind die Bauwerke, aus der Zeit als die Könige der Khmer ganz Südostasien beherrschten. Und man fragt sich, wie man mitten im Dschungel kilometerlange Mauern und Pyramiden aufschichten konnte, ohne Maschinen und andere Werkzeuge: Die naheliegende Antwort: Mit Sklaven und Elefanten.

Wo viele Touristen sind, ist das Angebot an Unterhaltung nicht weit. So wimmelt es im rund 10 Kilometer liegenden Siem Reap von Luxushotels, Spar, Massagesalons und Restaurants. Eine Straße im Zentrum heißt tatsächlich “Pub Street” und der Name ist Programm. Aus den offenen Schuppen hämmert Techno und jeden Abend füllen hunderte Partygänger die Strassen. Anlaufpunkt mit Kultcharakter ist die Bar Angkor What? Wie ein Schild neben dem Eingang verkündet “promoting irresponsible drinking since 1998”. Na dann! Prost. Beim Studium der Speisekarte des “Hard Rock Cafe” verschlägt es mir endgültig die Sprache: “Our Legendary burger” kostet dort 17 $. Vermutlich sind die Fritten vergoldet. Ein normaler Kambodschaner verdient etwas über 100 $ im Monat. Was würden wir wohl sagen, wenn in Berlin eine Touristenkneipe aufmachte, in der jedes Essen ein paar hundert Euro kostet und 100 €das Bier? Die Betreiber dieser Kette sind von allen guten Geistern verlassen und die Gäste ebenso.

Ich lasse die Touristenmeile schnell hinter mir, und schlendere lieber durch eine der Markthallen. Unfassbar was dort alles angeboten wird. Augenscheinlich wird in Kambodscha alles verzehrt, was nicht bei drei auf dem Baum oder in einem Loch verschwunden ist – frittierte Skorpione und Spinnen inklusive. Ein Rätsel bleibt mir, wie bei Temperaturen um die 36 Grad, Fleisch und Fisch ohne Kühlung angeboten wird und trotzdem frisch aussieht.

Marktstand in Kambodscha: Acht Schüsseln und man weiss von keiner was drin ist.


Danach ging es mit dem Nachtbus, in dem man sich in einen Art Verschlag legt, und per Fähre auf die Insel Koh Rong Sanloem vor der Küste von Sihanoukville. Es ist eine wunderschöne Insel mit Traumstränden und jeder Menge junger Leute, die dort in Hängematten bei chilliger Musik den Kokosnüssen beim Wachsen zusehen oder einfach nur dem Sonnenuntergang entgegen dämmern. Bei Temperaturen jenseits der 34 Grad ist es zugegeben für alles andere auch zu warm – abgesehen von Tauchkursen oder Bootausausfahrten.

Das Wasser ist wirklich so blau und so warm, dass man zwei Stunden darin liegen kann

Ich stieg im Norden der Insel in M’pay Bay vom Boot und mietete mich in einem Gästehaus mit vier Zimmern ein, das – wie sich am nächsten Tag herausstellt, der Lehrer der Inselschule betreibt. Morgens und nachmittags entschwindet er zum Unterricht. Vorher, nachher und dazwischen werkelt er pausenlos. Denn im Erdgeschoss betreiben er und seine Frau noch ein kleines Restaurant. Jeden Monat, so sagt er, müsse er 600$ Kredit an die Bank zurückzahlen und in der Regenzeit von Juni bis November kämen kaum Touristen auf die Insel. Wir hielten trotzdem jeden morgen ein Schwätzchen, während ich frühstückte. Er wollte ganz genau wissen was ich arbeite, wie ich in Deutschland wohne, wie der Winter ist, was es zu essen gibt. Er war nämlich noch nie weg aus Kambodscha. Zum Abschied brachte er mir in aller Herrgottsfrühe noch geschnippeltes Obst ans Schiff, damit ich auf der langen Reise nicht verhungere.

Von M’pay Bay gibt es keine Strasse nach nirgendwo und Schiffe sind die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Richtig lebhaft wird es, wenn nach Einbruch der Dunkelheit das Versorgungsschiff vom Festland kommt, dann ist es für eine Stunde voll am Pier. Alle rufen durcheinander und viele Handwagen werden beladen mit allem, was gebraucht wird – vom Frischgemüse bis zum Zementsack. Wenn der Auftrieb sich verlaufen hat wird es wieder ruhig. Was blieb mir also anderes übrig, als ein paar Tage im Schatten einer Palme zu dösen und ab und an eine frische Kokosnuss zu trinken. Ich wollte schon in Neuseeland eigentlich “Moby Dick” lesen. Das habe ich dann getan.


Koh Rong Sanloem ist leider ein Paradies mit Verfallsdatum, das in wenigen Jahren der Bauwut chinesischer Investoren zum Opfer fallen wird. Denn die Regierung hat schon Teile der Insel für 99 Jahre an Chinesen verpachtet, die dort mehrere Glücksspielkasinos und ein Ferienressort für Chinesen bauen wollen. Mit der Rodung des Waldes haben sie bereits begonnen. Bis dahin bleiben es noch für wenige Jahre die schönsten Strände, die ich bisher gesehen habe.

OneMoreTune2019/2: Eagles, Hotel California

Eigentlich sollte es langsam mal gut sein mit den Hits aus dem letzten Jahrhundert, zumal mir die Eagles als Band eigentlich wenig sagen. Aber ihr“Hotel California” (Hier eine Live-Version von 1977) verfolgt mich auf der ganzen Reise. Egal in welchem Land ich mich in eine Bar setze, es dauert keine halbe Stunde bis die Eagles wieder loslegen. Am schönsten war’s am Strand von M’Pay Bay auf Ko Rong Sanloem. Die Kneipe bestand nur aus einem Strohdach, einem Tresen und ein paar Planen. Der Besitzer hatte sein ohnehin offen getragenes Hemd um 22 Uhr mit den Worten: “Shirt time is over for this week” hinter sich gepfeffert, und sein Barmann, ein vielleicht Ende zwanzigjähriger Südafrikaner mit blonden Rastazöpfen, wollte mich allen Ernstes davon überzeugen, dass die beste Medizin gegen Husten pur gerauchtes Marihuana sei. Ich hatte eigentlich gar keinen Husten. Es wurde trotzdem ein wirklich lustiger Abend. Der Mond schien auf’s Meer, das eiskalte Büchsenbier kostete 1$ und natürlich sangen die Eagles irgendwann in voller Lautstärke “Hotel California”. Wir quatschten über Südafrika, das Leben an sich und über Nepal, wo er unbedingt auch bald hinwollte. Am Ende drückte mich Mann aus Kapstadt an seine (natürlich) blanke Brust und verabschiedete mich mit den Worten: “Stay safe, man. Will see you in Nepal, if you stay long enough”. Ich denke nicht, dass ich ihn dort wiedersehen werde.

Sittin’ on the dock of the bay

Die lange Reise begann mit einem kurzen Lauf. Als ich am 29. Dezember vormittags endlich an der Straßenbahnhaltestelle Richtung Potsdam Hauptbahnhof stand, kramte ich zunehmend hektischer in den Taschen. Wo war mein Handy? Aus bangem Kramen wurde grausame Gewissheit: Ich hatte es zu Hause liegen lassen. Auf dem Handy war die Zugfahrkarte nach Frankfurt. Ohne Frankfurt, kein Flug nach Bangkok. Ohne Bangkok, kein Flug nach Auckland. In zwei Minuten kommt die Strassenbahn. Und ohne Strassenbahn, kein Zug nach Berlin und damit kein Zug nach Frankfurt. „SCHEISSE“, soll man ja eigentlich nicht sagen. Aber da war es mal angezeigt.

Das Gute ist: In solchen Situationen arbeitet der Verstand erstaunlich rational: In 20 Minuten fährt der Zug. Taxi in Potsdam rufen, keine Option. Mein Fahrrad, war eine Woche zuvor geklaut worden. Auto, besitze ich nicht mehr. Also: Handy holen und Dauerlauf. Dann hat das Lauftraining doch endlich mal einen praktischen Nutzen…Die Challenge: Fast 30 Kilo Gepäck. 2 Kilometer. Ergebnis: Zieleinlauf nach 14 Minuten. Zustand: Schweißgebadet und selber schuld. 

Warum habe ich eigentlich soviel Kram dabei? Nun ja, für drei Monate in Neuseeland über Südostasien bis nach Nepal hat man doch einiges mit. Angefangen von Zelt und Schlafsack über Tropenmedizin, Kamera und Objektive bis zu Wanderstiefel, Hemd und Hose und einem Satz Laufklamotten, Reiseführer, Buch, Paar Schuhe, Badelatschen, Sonnenbrille, bisschen Technikkram. Mein ausgearbeiteter Apollo-11-Plan sah ja vor, alles was nicht mehr benötigt wird, nach und nach abzuwerfen, bzw. die Bergausrüstung für Nepal in Bangkok zu deponieren. Immerhin das Buch ist schon weg. Dafür ist eine Tasse hinzugekommen und ein T-Shirt. 

Der Flug nach Neuseeland war – um es kurz zu machen – sehr lang! Nach zwei Übernachtflügen und ein paar surrealen Stunden in einer Starbucksfiliale im nirgendwo der Transitzone des Flughafens von Bangkok standen Helvi und ich tatsächlich pünktlich zu Silvester um kurz nach Mitternacht mit Tausenden Neuseeländern im Hafen von Auckland und wünschten uns ein gutes Neues Jahr – 12 Stunden bevor sich Deutschland dann in die Feinstaubwolke ballerte.

Die Neuseeländer sind beim Thema Silvester um einiges bescheidener – oder besser gesagt entspannter. Private Sprengmeister und Alkoholexzesse auf öffentlichen Plätzen gibt es hier nicht. Um Mitternacht brennt die Stadt an der Spitze des Fernsehturms ein recht überschaubares (“mickerig” wollte ich vermeiden) Feuerwerk ab. Das war’s. Trotzdem finden es alle toll. 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1….Happy New Year…und weiter geht’s. Den traditionellen Neujahrslauf mit Andreas musste ich dieses Jahr “schweren Herzens” durch eine Portion hervorragendes Eis an der Waterfront in Auckland ersetzen, denn zum Laufen war ich erstens zu müde, und ausserdem war es Neujahr viel zu heiß. 😉

Die Laufschuhe kamen erst eine Woche später zum Einsatz. Fünf Kilometer am 90-Miles-Beach entlang. Wir hatten die ersten paar Tage bei einem irgendwie zu Geld gekommenen Hippi verbracht, der sich in Tutukaka (der Ort heisst wirklich so) einen halben Hügel gekauft und darauf ein paar Hütten gebaut hat, die er hauptsächlich an Taucher vermietet. Ansonsten betreibt er eine mobile Rollerdisko (Inliner). Warum auch nicht? Nicht ganz überzeugt hat mich allerdings sein Konzept der „Sustainable Toilets“, das im Kern aus einem Loch in der Erde und einer Schippe besteht. Aber der Ausblick von seinem Hügel nach drei Seiten aufs Meer war grandios. Jedenfalls fragte ich ihn, ob es sich lohnt, an den 90-Miles-Beach zu fahren. Seine vielsagende Antwort war: „It’s 90 miles beach, man!“.  Und so fuhren wir also hin, inklusive eines Abstechers an Nordspitze Neuseelands, wo die Seelen der Maoris ins Meer abtauchen, bevor sie irgendwo weiter draußen Richtung Südsee wieder auftauchen….so jedenfalls erzählt es die Mythologie der Ozeanier.

Man ist in Neuseeland soweit weg von allem, dass man sich erst nach zwei, drei Wochen bewusst wird, wieviel überflüssige Gedanken wir Deutschen uns um jeden Mist machen. Irgendwo auf der Südinsel haben wir zwei Tramper eingesammelt, einen jungen Mann und eine junge Frau, und 50 Kilometer in die nächste Stadt mitgenommen. Er war Engländer aus Liverpool, der im wunderschönen Abel Tasman National Park als Kajak-Tourenführer arbeitet und in der nächsten Saison nach Queenstown weiterziehen will, die Hauptstadt der Adventure-Touristen für Bungee-Jumping, Fallschirmspringen,  Canyonabseilen, Jetbootfahren und andere Nahtod-Erfahrungen. Ich fragte ihn, was sie denn bei mit ihren Kajaktouren machen, wenn es regnent. Der Deutsche denkt natürlich wieder an Geschäftsmodelle, Verdienstausfall, reicht das denn zum Leben? Seine Antwort war: „Wenn’s regnet werden wir nass.“ (Erkenntnis 2019/1)

Ich habe die folgenden Tage länger über die Worte des Philosophen aus Liverpool nachgedacht. Wann immer ich mal Spiegel-Online aufrufe, lese ich von den multiplen Katastrophen, die über die dauerbedrohte Nation hereinzubrechen drohen. Oh Gott, der ungeordnete Brexit, oh Gott der Schnee, oh Gott der Feinstaub, oh Gott die AfD, oh Gott der Atomkrieg. Liebe Leute, ein paar Tausend Kilometer weiter schert das keine Sau – oder besser gesagt – kein Schaf. Und es scheint den Menschen gut zu tun. Denn in Neuseeland sind die Menschen unglaublich freundlich und irgendwie entspannt unterwegs. Es gibt hier bestimmt auch jede Menge Herausforderungen. Arme, Reiche, Steuern. Aber die Menschen gehen irgendwie gelassener damit um. Zum Beispiel ist die Sonneneinstrahlung in Neuseeland echt hart. Aber das ist kein Grund zu Hause zu bleiben. Am Strand zieht man eben ein langärmeliges T-Shirt an und benutzt Sonnencreme. Und wenn ein Sturm Bäume auf die Strasse fegt, diskutiert man nicht lange über den Klimawandel, sondern holt die Motorsäge raus, zieht Gummistiefel an und räumt auf. Und wenn es regnet, dann wird man nass!

Eines allerdings sollte man allerdings trotz aller Lässigkeit in Neuseeland nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn an einer Tankstelle ein Schild steht: „Last Petrol Station for the next 120 Kilometers“, darf man das getrost glauben – auch wenn der Sprit dort fünf Cent teurer ist. Es ist nämlich ein echtes Scheissgefühl, wenn der Tank auf Null ist  (und damit meine ich Null, Reserve ist dann schon vorbei) und die nächste Tankstelle ist noch vierzig Kilometer entfernt. Irgendwo anklopfen ist dann nicht, denn dort wohnt niemand, und anrufen geht auch nicht, denn Netzabdeckung gibt es in solchen Gegenden keine. Schafe und Rinder schließen in aller Regel nicht mal in Neuseeland Mobilfunkverträge ab. Es war jedenfalls sehr erlösend nach allen erdenklichen Spritsparmätzchen und Stoßgebeten mit dem wohl allerletzten Tropfen an die Zapfsäule zu rollen. Der Tankwart wollte nicht mal das Trinkgeld annehmen, das man aus Dankbarkeit gerne in irgendeinen Opferstock gesteckt hätte.

Insgesamt waren wir in knapp fünf Wochen über 4.000 Kilometer auf neuseeländischen Strassen unterwegs. Von Norden nach Süden von Osten nach Westen, von Westen nach Osten. Hügel rauf, Kurve links, schärfere Kurve rechts, noch schärfere Kurve links, Hügel runter. Und dann das Ganze wieder von vorne. Wer glaubt, Neuseeland bestehe hauptsächlich aus grünen, flachen Wiesen, der täuscht sich. Ein Großteil der Nordinsel ist hügeliges Waldgebiet mit riesigen Farnbäumen und jeder Menge Vulkane. Die weiten, langen, geraden Straßen gibt es am ehesten auf der Südinsel, aber auch dort nur östlich der Alpen.

Ein Erdbeben haben wir nicht erlebt. Aber immerhin bin ich jetzt mal über ein Stück Land gelaufen, dass aufgrund eines Erdbebens erst seit den 1930er Jahren existiert. Dazu fuhren wir nach Napier, einem Städtchen an der Ostküste der Nordinsel. Dort bebt die Erde immer wieder mal, denn Neuseeland liegt an einem Ende des „Pazifischen Feuerrings“, der sich über eine Länge von 40.000 Kilometern wie ein auf dem Kopf stehendes U von Südamerika über Kalifornien bis nach Japan und Südostasien bis runter nach Neuseeland zieht. Napier liegt auf einer der Linien, an der die Australische und Pazifische Platte sich aneinander reiben. Und das wurde der Stadt am Vormittag des 3. Februar 1931 zum Verhängnis. Ohne jede Ankündigung entlud sich die Spannung in einem gewaltigen Erdbeben. 

Innerhalb von 30 Sekunden hob sich die Stadt Napier um bis zu 2,7 Meter in die Höhe, einige Kilometer weiter, in der bei Weinliebhabern als Hawke’s Bay bekannten Gegend, sackte der Erdboden ab. Innerhalb von zweieinhalb Minuten legten weitere Erdstöße die Stadt in Schutt und Asche. Ein Teil des Hügels, auf dem die Stadt am Meer gebaut war, rutschte ab. Augenzeugen beschrieben es wie Geräusch von „kochendem Wasser“. Rund 260 Tote und 3.000 Verletzte forderte das Beben. Dass nicht viel mehr Menschen an den Folgen starben, verdankt die Stadt einem Schiff der Royal Navy, das zu der Zeit zufällig im Hafen lag. Per Funk sendete die Marine die Nachricht von der Katastrophe ins gesamte Land und binnen Stunden machten sich Schiffe mit Hilfe auf den Weg.

Quelle: Christchurch Library

Die Folgen des Bebens waren verheerend: Praktisch alle Häuser, Bauwerke und Infrastruktur waren zerstört. In den Wochen darauf kollabierten an der Londoner Börse die Aktienkurse vor allem von Versicherungen. Neuseeland, so war die Befürchtung, stehe vor dem Staatsbankrott.

Beides ist nicht passiert. Stattdessen beschlossen die Einwohner, die Stadt wieder aufzubauen – aber nicht wie zuvor, sondern gänzlich neu, im Stil der modernen Architektur der Zeit – Art déco. Ein Designstil, der zwischen 1920 und 1940 den Jugendstil ablöste und Architektur, Industriedesign, Möbelbau und bildende Kunst beeinflusste. Aus dieser Zeit stammt unter anderem das weltbekannte Chrysler-Building in New York. In Napier entstand Mitte der 1930er Jahre die bis heute weltweit größte erhaltene Ansammlung von Gebäuden im Art déco Stil. „The city is snapshot in history“, wie es in einem der Texte über Napier heißt. 

Das Erdbeben hatte aber noch eine andere Auswirkung: Eine rund 3.000 Hektar große Lagune neben der Stadt wurde durch die Anhebung trockengelegt. Und so entstand um Napier ein riesige, topfebene Fläche, durch die heute eine lange Strasse zur Stadt hinführt. Mittendrin wurde ein Flughafen gebaut. Zum Laufen nicht sonderlich attraktiv, aber wo hat man schon mal die Gelegenheit auf echtem Neuland zu wandeln? 

Ma könnte jetzt natürlich noch viel schreiben, aber es ist ja ein Irrtum, dass Reisen bedeutet “nichts” zu tun. Ich halte es deshalb mal mit dem rosaroten Panther: „Heute ist nicht alle Tage. Ich komm’ wieder, keine Frage“. 

Tipp für Läufer: Neuseeland ist ein Paradies für Trail-Läufer, vorausgesetzt man hat die die richtigen Schuhe dabei. Oder einfach barfuss am Strand, wer’s mag

OneMoreTune 2019/1: Sittin’ on the dock of the bay
Nachdem das Autoradio aus den 1980er Jahren unter mysteriösen Umständen die Batterie leergesaugt hatte, und ein in die Pampa gerufener Mechaniker sich in breitestem Neuseeländisch zu der ausführlichen Diagnose hinreissen lies: „Baaadddery!“ , verschwand das Ding für den Rest der Fahrt im Handschuhfach. Wenn man dann ein paar Wochen ohne Musik durch die Gegend gondelt, kommt einem aus der Not heraus doch das eine oder andere Liedgut über die Lippen. Immer gern genommen: „Sittin’ on the dock of the bay“. Irgendwo sitzt man ja am Ende des Tages doch wieder am Meer und sinniert in Richtung Horizont. Aber von wem ist der verdammte Ohrwurm nochmal? Und wie war das genau mit dem „wasting Time“?

Nach zwei Tagen intensiver und erfolgloser Diskussion half uns ein Blick in Segen und Geisel der Moderne: Das Mobiltelefon. Otis Redding! Klar. Er hat das Lied während eines Urlaubs in der San Francisco Bay geschrieben. Was vielleicht weniger bekannt ist. Den unglaublichen Erfolg des Songs hat er nicht mehr erlebt. Der gute Otis starb nämlich im Dezember 1967 im Alter von nur 26 Jahren bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg von einer Fernsehaufzeichnung zu einem Live-Konzert. Drei Tage zuvor hatte er „Sittin’ on the dock of the bay“ aufgenommen. Im Januar 1968 posthum veröffentlicht, wurde der Song zu seinem größten Erfolg. Und weil es auch nach mehr als einem halben Jahrhundert so schön ist, hier die ersten beiden Strophen:

Sittin’ in the morning sun
I’ll be sittin’ when the evenin’ comes
Watchin’ the ships roll in
Then I watch ’em roll away again

I’m sittin’ on the dock of the bay
Watchin’ the tide, roll away
I’m sittin’ on the dock of the bay
Wastin’ time… 

Back on track


Und dann war er gerissen, irgendwie, der Faden. Grippe im Frühjahr, Hitzewelle im Sommer; und schon geht man lieber baden oder lässt das Training sausen….weil es sich vor dem Urlaub ohnehin nicht mehr lohnt oder weil die komischen Schmerzen im Zehengelenk nicht weggehen oder weil jetzt endgültig Schluss ist…mit den faulen Ausreden: Seit ein paar Wochen bin ich wieder regelmäßig unterwegs. Genau genommen hatte ich nicht wirklich aufgehört, aber seit dem Halbmarathon im Frühjahr ist auch nicht wirklich viel passiert. Wenigstens für ein Paar kaputte Laufschuhe hat es über den Sommer doch gereicht.

Ich denke ja, dass das Material sch… ist, das ASICS da zusammen-schustert. Dabei war es bereits ein umgetauschtes Paar DS Trainer. Bei den ersten waren rechter und linker Schuh so unterschiedlich groß, dass man sich im Fachgeschäft zu dem Kommentar hinreißen ließ, dass man es in China oder Vietnam offensichtlich mitunter nicht ganz so genau nehme. Erkenntnis 2018/2: Wo China draufsteht, ist auch China drin. Blöd nur, wenn man dafür europäische Preise bezahlen soll. Das Loch im Obermaterial wollte ich auch nicht mehr reklamieren. Zumal der Verkäufer mir erklärte, ich würde wahrscheinlich die Zehen beim Laufen nach oben biegen und solle von innen Tapeband darüber kleben. Ich werde das spaßeshalber mal ausprobieren – der Advent ist ja Bastelzeit. Oder aber ich laufe einfach in meinen Adidas, da scheint das Tapeband vorinstalliert zu sein, denn da passiert das genauso wenig, wie bei den vorherigen ASICS-DS-Modellen.

Den langen Herbst habe ich überwiegend damit verbracht, immer die dieselbe Strecke zu laufen. Mein Ziel: Eine souveräne 5-Kilometer-Runde. Souverän heißt, dass ich zu jeder Zeit bestimme, wie ich laufe und nicht die Lunge, das Wetter oder meine Tagesverfassung. Wie sehr diese schwanken kann, merkt man übrigens erst, wenn man immer wieder dieselbe Strecke läuft. Souverän heißt auch, zu jeder Zeit die Reserven zu haben, das Tempo nochmals zu erhöhen. Souverän heißt auch, MIT dem Körper laufen – nicht gegen ihn. Vielleicht auch einfach mal aussetzen, wenn man das Gefühl hat: Heute nicht. Erst nachdem das alles stimmte, und mir meine Hausstrecke im “Neuen Garten” in Potsdam förmlich zu den Ohren rauskam habe ich die Distanz erhöht.

Den “Neuen Garten” haben die Potsdamer übrigens dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm II zu verdanken, der den Park im ausgehenden 18. Jahrhundert anlegen ließ. Friedrich Wilhelm II war der Neffe von Friedrich dem Großen – der mangels Interesse an Frauen und eigenem Nachwuchs –  die Thronfolge seinem Neffen überlassen musste. Von dem hielt der “Alte Fritz” aber genauso wenig wenig wie von dessen Vater, seinen jüngeren Bruder, und er ließ keine Gelegenheit aus beide öffentlich zu demütigen. Der Grund war wohl, dass der Vater der beiden (Friedrich Wilhelm I) – den jüngeren Bruder ihm vorgezogen hatte. Auch wenn man vor lauter Friedrichs und Wilhelms leicht den Überblick verliert – unterm Strich waren diese Hohenzollern vermutlich eine völlig normale, kaputte, deutsche Familier. Jedenfalls ließ sich König Friedrich Wilhelm II das „Marmorpalais“ an das Ufer des Heiligen Sees bauen – entworfen vom selben Architekten wie das Brandenburger Tor in Berlin. Allerdings bezweifle ich, dass der König sich in seinem “Haus am See” noch ausgiebig mit seinen zahlreichen Mätressen vergnügen konnte. Denn nur vier Jahre nach der Fertigstellung starb er 1797 von Krankheiten gezeichnet im Alter von 53 Jahren in seinem Marmorpalais.

Da war es noch schön warm. Morgenlauf mit Aussicht. Am Marmorpalais im Neuen Garten. 

Und während ich so seeseitig an seinem Palais vorbeilaufe und mir Gedanken darüber mache, dass ich jeden Tag in vollen Zügen genießen sollte, weil ich schließlich nicht wissen kann, ob es mich wie den seligen Friedrich Wilhelm auch mit 53 von der Platte putzt, fuchtelt plötzlich ein alter Kauz auf einem Elektrofahrrad vor mir herum. Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren und er schnauzt mich an, als wäre ich sein TUI-Reiseleiter. „Kann man um den See nicht herumfahren?“ „Nein“, sage ich und überlege gerade, ob ich ihm jetzt erklären soll, dass sich die Villengrundstücke gegenüber schon längst ein paar TV- und Modepromis unter den Nagel gerissen haben. Da mischt sich eine ältere Dame mit Hund ein: „Wieso wolln se denn ditte wissen? Müssn se zum Früüühstück pünktlich bei Jüüünter Jauch sein?“ Sie schüttelt den Kopf und zieht Ihren Hund an der Leine hinter sich her. Recht hat sie, und auch ich nutze die Chance und verdufte. Morgens um die Uhrzeit will jeder seine eine Ruhe haben. Die Frau, der Hund, Ich und Jüüünter Jauch bestimmt auch.

Am Jungfernsee…Laufen wo andere Urlaub machen

Der stadtnahe Neue Garten ist übrigens ein guter Startpunkt für viele Strecken. Man läuft entweder westlich weiter auf den Pfingstberg und  verlängert über den Volkspark nach Park Sansoucci, oder man läuft bis zum Havelufer und kann dort entweder weiter Richtung Glienicker Brücke/Wannsee oder wahlweise Richtung Nordwesten entlang dem Jungfernsee. An Gewässern mangelt es ja rund um Potsdam wirklich nicht. Zum Beispiel gibt es auch noch den Teltowkanal. Eine 40 Kilometer lange Berlin-Umgehungstrasse für Schiffe. Rechts und links vom Kanal sind über weite Strecken passable Laufwege. Und Anfang November findet dort jedes Jahr der Teltowkanal-Halbmarathon statt – für viele der Saisonabschluss. Man kann auch 7 oder 14 Kilometer laufen. Ich hatte mich für die 14 Kilometer entschieden, um wieder ein bisschen am Laufsport zu schnuppern und mal wieder vor den wie immer zu wenigen Klohäuschen anzustehen. Ach ja, und was ich noch gar nicht erwähnt habe: Am 29. Dezember verdufte ich für eine Weile… 

Neuseeland, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Nepal. Das ist der Plan.

Drei Monate muss meine Firma deshalb auf mich verzichten und ich verzichte dafür noch länger auf die Hälfte meines Lohns. Was soll’s. Das letzte Hemd hat keine Taschen, wie der Friedrich Wilhelm in seinem Marmorpalais sicherlich wohl auch bemerkt haben dürfte. Neben Wanderstiefeln nehme ich auch Laufschuhe und Kamera mit und werde vom anderen Ende der Welt den einen oder anderen Blog schreiben.

Ende März komme ich dann zurück und habe schon einiges vor. Zum Beispiel im September. Da habe ich einen Startplatz für den Berlin Marathon. 2019 wird also ein ereignisreiches Jahr, und ich bin sehr neugierig, was so alles auf mich zukommt. Denn das Leben steckt ja bekanntlich voller Überraschungen.
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OneMoreTune 2018/3: Rory Gallagher, Tatoo’d Lady/Irish Tour ’74

 „Irish Tour ’74“ war Gallaghers sechstes Album. Ein Live Album. Aufgenommen im Januar 1974 bei drei Konzerten in Belfast, Dublin und Cork. Studios hat er nie gemocht.

Warum er denn jetzt hier? Vielleicht liegt’s daran, dass ich im Sommer in Irland war und in Rory Gallaghers Heimatstadt Donegal übernachtet habe, vielleicht auch daran dass Rory Gallagher einfach ein sympathischer Anti-Star war;  mit seinen immer gleichen karierten Flanellhemden und seiner 30 Jahre alten, abgeblätterten Fender Stratocaster. Sowohl die Rolling Stones als auch Deep Purple wollten ihn als Gitarristen engagieren. Aber das große Showbusiness war seine Sache nicht. Rory Gallagher wollte nur eines machen: Musik – das war sein Ding. Sowie leider auch die vielen Tabletten, die er gegen Depressionen, Schlaflosigkeit und Flugangst schluckte und an denen er 1995 nach einer Lebertransplantation gestorben ist. 

Livemitschnitt von der Isle of Wight 1970. Die Band nannte sich zu der Zeit noch Taste. Achtung Männermusik!

Im Unterschied zu den meisten seiner Musikerkollegen spielte Gallagher in den 1970er Jahren auch regelmäßig in Nordirland, obwohl die IRA die Städte mit Bombenterror überzog und Konzerte potenzielle Anschlagziele waren. “Hier leben immer noch junge Leute, also gibt es für mich keinen Grund hier nicht aufzutreten”, begründete Gallagher seine Konzertreisen. In der zweiten Jahreshälfte 1971 befand sich Belfast in einer Art Kriegszustand. Das öffentliche Lebens war praktisch zum Erliegen gekommen. Seit sechs Monaten hatte in Belfast nicht ein einziges Konzert mehr stattgefunden, als Gallagher für den Neujahrsabend 1972 ein Live-Konzert ankündigte. Innerhalb von Stunden war die Karten restlos ausverkauft. In der Silvesternacht spielte Gallagher auf einer privaten Studentenparty, doch kurz vor Mitternacht splitterten die Scheiben im Saal. In der Nähe war eine Bombe detoniert. Insgesamt gab es in dieser Nacht 10 Anschläge, und jeder rechnete fest damit, dass das Konzert am nächsten Tag abgesagt würde. Doch Gallagher sagte nicht ab. Er nahm einfach seine Gitarre ging auf die Bühne und spielte, ohne ein Wort über die Anschläge zu verlieren. Roy Hollingworth, ein Journalist des Melody Maker beschrieb die Atmosphäre so:

“I’ve never seen anything quite so wonderful, so stirring, so uplifting, so joyous as when Gallagher and the band walked on stage. The whole place erupted, they all stood and they cheered and they yelled, and screamed, and they put their arms up, and they embraced. Then as one unit they put their arms into the air and gave peace signs. Without being silly, or overemotional, it was one of the most memorable moments of my life. It all meant something, it meant more than just rock n’ roll.

Rory Gallagher: A Millions Miles Away /Irish Tour ’74

Zwei Wochen nach dem Konzert in Belfast erschossen britische Fallschirmjäger am „Bloody Sunday“ im nordirischen Derry dreizehn Menschen. Zwischen 1968 und 1988 forderte der Bürgerkrieg in Nordirland 3.500 Menschenleben, weitere 47.000 wurden verletzt – mitten in Europa. Vielleicht sollten sich daran ein paar Idioten erinnern, die mit ihrem Brexit-Mist allen Ernstes riskieren, mitten durch Irland die Außengrenze der EU zu ziehen. Ich glaube ich weiß, was Rory Gallagher davon gehalten hätte.

Blitzeis am Tejo

Es ist Sonntag, 13:00 Uhr. Der Himmel ist grau über der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Mir ist kalt, es ist windig und gerade peitscht mal wieder ein Regenschauer über den Platz am Flussufer. Ich kauere auf einer Parkbank unter einer gelben Plastikplane mit dem roten Aufdruck des Kaffeeherstellers „Delta“, der mir gerade herzlich egal ist. Ich versuche mich so gut es geht vor Regen und Wind zu schützen. Eine Art Stadionsprecher schreit seit Minuten wie am Spies: „Obrigado, Obrigado, multi Obrigado! Um den Hals baumelt mir eine viereckige Blechmedaille, und immer wenn der Regenguss kurz nachlässt, beiße ich in ein Erdbeereis am Stiel. Tatsächlich: Ich beiße in ein Eis am Stiel! Vielleicht kommt auch gleich noch ein rosafarbener Elefant vorbei und fragt mich, wie spät es gerade in Singapur ist. Wie in aller Welt bin ich hierher gekommen?

Rückblende. Es ist der Samstag, acht Tage zuvor. Ich sitze in einem  tschechischen Flieger nach Faro an der portugiesischen Algarve-Küste. Ich habe mich seit Wochen auf das Trainingslager des Potsdamer Laufclubs gefreut und auf den Halbmarathon in Lissabon. Ein bisschen Frühling, ein bisschen Sport, ein bisschen die Seele baumeln lassen – kein schlechter Plan, wie ich finde. Allerdings hat mich kurz vor Abflug DER grippale Infekt erwischt. Fieber, Husten, Gliederschmerzen – die Bronchien brennen. (Erkenntnis 2018/1) „Irgendwie klebt Dir die Seuche am Schuh“, attestiert mir ein erfahrener PLC-Läufer. „Irgendwie wird’s schon gehen“, denke ich. Seeluft ist ja bekanntlich die beste Medizin. Und mit einer satten Überdosis Ibuprofen im Blut schaukele ich über den Wolken nach Faro. Irgendwie ging es dann aber nicht. Im Hotel angekommen hat mir der Infekt am ersten Abend regelrecht den Stecker gezogen. Zwangspause durch pharmakologischen K.O. vor der ersten Runde – so muss man es wohl sagen.

Ich muss zugeben, das Wetter hat es mir in den ersten zwei, drei Tagen auch leicht gemacht, denn wenn ich mich recht erinnere, haben sich die Palmen hinter dem Hotel mehrmals ordentlich im Sturm verbogen, und über zu wenig Regen dürften sich die Portugiesen in diesem Frühjahr auch nicht beklagen können. Trotzdem hätte ich natürlich lieber das Training mitgemacht als diesen grässlichen Ingwer-Tee in mich hineinzuschütten. Und bei lauen 18 Grad kam zumindest einmal am Tag immer irgendwo die Sonne raus.

Nachdem das Fieber weg war habe ich dann Mittwoch den ersten kleinen Trainingslauf auf einer schönen Cross-Strecke direkt neben dem Hotel absolviert. Es fühlte sich ehrlich gesagt nicht so an, als würde ich am Sonntag einen Halbmarathon laufen wollen. Aber gut…noch war ja eine halbe Woche Zeit. Donnerstag ein Lauf am Strand, das ging schon besser und Freitag dann mit dem Auto nach Lissabon – im  Dauerregen.

Dort – so hatte ich mir ausgerechnet – konnte mir eigentlich nicht mehr viel passieren, denn ich war schliesslich in der Obhut von gleich vier Beamtinnen der Bundespolizei – zum Glück unbewaffnet und so sehr in Zivil, dass sogar die lokalen Straßendealer in Lissabon unseren Beamtinnen sorglos allerlei Drogen zum Kauf angeboten haben. Vielleicht – meine Herren – ist das nur eine begrenzt gute Idee. Falls ihr Eure Geschäfte mal auf deutschen Flughäfen oder Bahnhöfe ausweiten wollt, hier mein Tipp: Probiert es in dieser Zielgruppe lieber mit Sportschuhen, Cappuccino, Kuchen, und Wein – bringt mindestens genau soviel Umsatz und unter Umständen weniger Ärger.

Am Samstag dann die nächste Hiobsbotschaft: Der Start des Laufs wurde kurzfristig verlegt, denn die Brücke über den Tejo – der Höhepunkt des Laufs – wurde wegen eines nahenden Sturmtiefs mit Starkböen für den Lauf gesperrt. Klar gehen Sicherheitsvorschriften immer vor, aber eine Enttäuschung war das schon. Nach einem windigen Samstag in Lissabon, an dem sogar der volle Brotkorb vom Tisch flog, war am Sonntagmorgen das Wetter gar nicht so schlecht. Also auf zum Start irgendwo an einer Stadtautobahneinfahrt – schön geht anders.

Zugegeben, ich habe ich mich weit hinten in die Startaufstellung gestellt. Die Zeit war mir ja eh egal, denn mit der abklingenden Grippe hatte ich mir vorgenommen das Ganze als Sightseeing Tour zu laufen (Total time: 2h:18min). Was aber dann stattfand, war der wohl seltsamste „Lauf“, den ich bisher erlebt habe. Irgendwann ging es auf der Autobahn wohl über eine Startlinie, aber kaum jemand schien das zu interessieren. Laufen – Fehlanzeige. Stattdessen befand ich mich bei einem Art Volkswandertag.

Omas mit Sturmhauben aus Plastik und dem Fifi an der Leine, Familien mit Kleinkindern, untergehakte Vereinsausflügler in Wanderausrüstung, die fahnenschwenkend die gesamte Breite der Strecke blockierten; irgendwann habe ich einen aufgespannten Regenschirm ins Gesicht bekommen  – klar, nicht dass am Ende noch jemand nass wird. Hätte man nach drei Kilometern bei einer Rast noch Brot und Wurst gevespert oder einen Grill aus dem Rollkoffer gezogen, mich hätte es nicht gewundert. Nach fünf Kilometern nahmen die Wandersleut dann aber doch die nächste Autobahnausfahrt und es wurde noch ein richtiger Lauf. Mein Sightseeing-Plan ist allerdings nicht aufgegangen. Denn zu sehen gab es nicht wirklich viel. Die Strecke des Lissabon-Halbmarathons ist – von der Brücke, über die man nicht Laufen durfte, abgesehen – wenig reizvoll. Dabei ist Lissabon eigentlich eine wunderschöne Stadt, aber 90 Prozent der Stadt ist Berg und Tal, deshalb geht der Halbmarathon in einer kilometerlangen Geraden am Flussufer entlang von Bahnschienen, durch Hafen- und Industriegebiete.

Interessante Fachgeschäfte in Lissabon: Für alle, die des Portugiesischen nicht mächtig sind: “Espingardas” sind Gewehre, “Cargas” ist Sprengstoff und “Esgrima” Fechtausrüstung. 

Nicht nachvollziehbar ist für mich auch, dass der Veranstalter keine Möglichkeit anbietet, irgendwo eine Tasche mit trockenen Klamotten oder sonst was abzugeben, zumal es echt schwierig ist, vom Ziel mit Bus und Bahnen irgendwie schnell wieder wegzukommen. Unterm Strich war es aber durchaus eine neue Erfahrung, mit, dann gegen und dann wieder mit dem starken Wind zu Laufen. Das Wetter war – wie man im Fernsehen wohl sagen würde – ein Mix aus Sonne, Wolken, Regen und vereinzelten Graupelschauern. Und am Ende gab es dann vom Veranstalter sogar noch ein Blitzeis.

————–  OneMoreTune 2018/2: The Verve/Lucky Man ————

Was gibt es zu diesem Song noch zu sagen? Außer vielleicht, dass er gerade ziemlich gut mein Lebensgefühl beschreibt? Und dass ich dort sofort einziehen würde. Das Gebäude steht übrigens am Nordufer der Themse im Londoner Stadtteil Hammersmith und ich finde es absolut ausreichend möbliert. Vielleicht könnte man noch sagen, dass „The Verve“ eine der genialsten Gruppen der Britpop Ära der 90er waren, dass der Sänger Richard Ashcroft aus seiner Abschlussprüfung an der Schule einfach raus gegangen ist, um spazieren zu gehen, was ihm dann einen Termin beim Schulpsychologen eingebracht hat; dass der Gitarrist ein Album der Band nur schwer einspielen konnte, weil er sich während eines Konzerts der Band bei einer Schlägerei die Hand gebrochen hatte. Dass The Verve kurz vor ihrer Trennung 1998 ein legen(…gleich kommmt’s….) däres Konzert ihrer Heimatstadt Wigan in der Nähe von Manchester gaben, bei dem die letzten Worte von Ashcroft nach getaner Arbeit an das Publikum lauteten: „Fuck you!“, bevor er die Bühne verlassen hat….ein waschechter Engländer halt.

Jetzt hilft nur noch LSD…

Manchmal liegt zwischen zwei Blogeinträgen ein Lauf, und manchmal ein halbes Leben. „Wenn über Dir das Dach einstürzt, kannst Du die Sterne sehen!“ Das sagte mir ein Ex-Kollege, nachdem er sein Job verloren hatte, seine Freundin ihn deshalb sitzen ließ, ihm beim Auszug aus der gemeinsamen Wohnung die Achillesferse gerissen war und er wochenlang mit eingegipstem Bein in der Wohnung seiner Eltern lag und Löcher in die Decke seines ehemaligen Jugendzimmers starrte. Was mich betrifft: Meinen Job habe ich noch.

Ansonsten ist das mit den Sternen nicht ganz verkehrt…auch wenn es sich zunächst mehr nach “Sternchen sehen” als nach Sternenhimmel angefühlt hat. Hat man sich den Staub von den Klamotten geklopft und die Augen gewischt, stellt man fest, dass die Geschäfte öffnen wie jeden Tag, die S-Bahn so unzuverlässig fährt wie immer und alle, die vorher nicht ganz dicht in der Birne waren, sind es immer noch nicht, waren es vielleicht nie…wer weiß das schon. Das einzige, was man sicher sagen kann: Egal was kommt, das Leben geht immer weiter weiter, weiter…hm…hört sich irgendwie an, wie….ja, richtig:

„Du und ich, und auch sonst keiner, kann so hart zuschlagen wie das Leben. Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann, es zählt bloß, wieviel man einstecken kann und trotzdem weiter macht.“
Rocky Bolboa

Ist schon eine Weile her mit den Rocky-Filmen…1976 kam der erste ins Kino. Ich habe ihn erst viel später gesehen. Das war für mich auch eher die Kategorie Film: schlaf- und planlos nach Mitternacht. Vielleicht wäre ich damals einfach besser schlafen gegangen, anstatt Rocky zuzusehen, wie er in Philadelphia die Treppen des Museums of Art hoch rennt.  Aber erstaunlich ist es doch, dass über 40 Jahre später immer noch Menschen aus aller Welt nach Philadelphia fahren, eine Treppe hoch rennen, die Arme in die Luft reissen…und jetzt raten wir mal, welche Musik dabei hören?

Da wären wir ja auch beim Thema, denn eigentlich soll das Blog ja übers Laufen gehen und das tut es auch. Also: Nach einem turbulenten Sommer habe ich letztes Jahr läuferisch nicht viel hingekriegt. Mal hier gelaufen, da trainiert, aber ich hatte den Kopf nicht frei und die Beine waren schwer wie Blei. Meine Teilnahme am Berlin Marathon habe ich abgesagt. Besser gesagt ist Steffi für mich gelaufen – über die genauen Details breiten wir einen weiten Mantel des Schweigens –  jedenfalls war es „mein“ schnellster Marathon, und so hatte ich ein paar Tage später einen guten Grund nach Griechenland zu fahren, um mich von den nicht erlittenen Strapazen zu erholen.

Und kurz darauf waren plötzlich überall Kugeln an den Bäumen…Seit zwei Wochen lass ich es jetzt wieder anlaufen mit dem Training. Aber ich merke natürlich, dass ich ganz schön abgebaut habe. Zu wenig gemacht und zu ungesund gelebt. Zeit für eine ungeschminkte   Bestandsaufnahme: Ich habe vier bis fünf Kilo zuviel auf den Rippen, ein kaputtes Ellenbogengelenk, Trainingsstand naja…war schon mal besser,  Motivation… uff….bei dem Wetter. Und ich bin läuferisch wieder dort angekommen, wo ich angefangen habe: Das erste Jahr habe ich beim Laufen nämlich den Kopf konsequent nach unten hängen lassen und auf meine Schuhe geglotzt…und genau dabei habe ich mich neulich selbst ertappt. Da hilft jetzt nur noch eines: LSD!

Nein, ich habe nicht beschlossen, die Pforten der Wahrnehmung zu erweitern, um wie weiland Jim Morrison von den Doors „zur anderen Seite“ durchzubrechen. Mein Bedarf an Vollidioten, die über mentale und emotionale Stärke faseln, ist bis an mein Lebensende gedeckt. LSD steht für Long Slow Distance: schlicht, der langsame Lauf. Der hat die Funktion die aerobe Grundlagenausdauer aufzubauen, man sagt, das passiere am besten bei 70-75% der maximalen Herzfrequenz, und – was für mich noch wichtiger ist –  man gewöhnt die Sehnen und Gelenke an die kommende Belastung. Denn das Tückische ist, dass zum Beginn des Trainings die Muskeln viel schneller fit werden als der Sehnen- und Gelenkapparat…und dann läuft ein alter Mann schnell in die Überlastungsfalle. Aber dieses Mal nicht mit mir! Das habe ich mir für 2018 fest vorgenommen!

Anfang März geht es mit dem Potsdamer Laufclub eine Woche ins Trainingslager ins Ausland. Und an dessen Ende liegt das erste Ziel 2018: Ein Halbmarathon, der auf einer Hängebrücke startet. Sie ist weltweit, die drittlängste Hängebrücke für kombinierten Straßen- und Eisenbahnverkehr. Nummer eins ist die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke in Istanbul, auf Platz zwei liegt die Tsing-Ma-Brücke in Hongkong.

30.000 Läufer unterm Stahlseil – das wird hoffentlich nicht zu sehr schaukeln. Naja, wenn sie  nicht hält, fällt man mit etwas Glück unten ins Wasser. Einen ordentlichen Schluck Wein soll es dort auch geben. Schon erraten wohin die Reise geht?

Bis es soweit ist, muss ich im winterlich-grauen Brandenburg Kilometer schrubben. Letztes Jahr waren es gerade mal 1000. Viel zu wenig für eine ordentliche Laufsaison. Auch wenn derzeit draußen der Funfaktor arg begrenzt ist: Es hilft nix, Schuhe an und raus. Sobald man auf der Strecke ist, ist das Suddelwetter dann auch egal. Solltet Ihr also rund um Potsdam eine Gestalt überholen, die im Schneckentempo durch Parks und Wälder schleicht, seid nachsichtig, das bin ich auf LSD!

OneMoreTune 2018/1: Foo Fighters, The sky is a neighborhood
Apropos gerecht; es gibt Menschen, die haben soviel Talent, dass es gleich für mehrere internationale Karrieren reicht. Nehmen wir mal Dave Grohl, den letzten Drummer der Band Nirvana, bevor Curt Cobain sich im Heroinrausch eine Kugel in die Birne ballerte. Grohl trommelte das Album „Nevermind“ („Smells like teen Spirit“), was ihn auf die Liste der 30 besten Schlagzeuger aller Zeiten katapultierte. Danach tauschte er mal lässig die Drumsticks gegen eine Gitarre und gründete eine Band, die heute kommerziell zu  den erfolgreichsten Bands in den USA zählt: Die Foo Fighters. Im September 2017 ist ihr 9. Album „Concrete and Gold“ erschienen und der Song  „The sky is a neighborhood“ passt irgendwie gut zum Thema „Sterne sehen“.

Aber man darf auch seinen – Verzeihung – Arsch darauf verwetten, dass ein Schlagzeuger sich für seine Band einen Schlagzeuger holt, der ihm das Wasser reichen kann. Das kann er: Taylor Hawkins. Wenn es bei den Foo-Fighters laut werden muss, ist für Hawkins Schwerarbeit angesagt und ich schätze, wer als Schlagzeuger bei den Foo Fighters spielt, kann auch ohne Training einen Halbmarathon laufen. Zweifel dürfte dieser Clip ausräumen:  Foo Fighters, The Pretender – bei DEN Dreharbeiten ich wäre wirklich gerne dabei gewesen. 😉

Finisher wider Willen

„Wanderer, kommst Du nach Edinburgh, verkündige dorten, Du habest uns laufen sehen, wie der Veranstalter es befahl.“ Ungefähr so ist es mir – frei nach  Schiller – am vergangenen Wochenende beim Edinburgh-Marathon ergangen – 26,2 Meilen, die ich eigentlich nie hatte laufen wollen. Und das kam so: Nach der Anmeldung vergangenen Herbst kam ein viel zu langer Winter mit beruflichen und privaten Turbulenzen, garniert mit einer Prise Verletzungspech. Mit anderen Worten: Ich hatte nicht trainiert – jedenfalls nicht auf einen Marathon. Schon vor Wochen wollte ich mich deshalb auf einen Halbmarathon ummelden, das ging aber nicht, weil der Veranstalter meinte: „Wenn das jeder machen würde…“…Also gut, dachte ich, pfeif auf den Faschingsorden und das Finisher-Klimbim, dann höre ich eben einfach nach der Hälfte auf. Gedacht, getan. Nach einer knappen Woche Urlaub mit meinem Sohn in den schottischen Highlands und Edinburgh war der Lauf ohnehin gedanklich irgendwie zur Nebensache geworden. „Ja, ach, einen Halbmarathon krieg ich schon irgendwie hin.“

Und dann war er plötzlich da, der Sonntagmorgen, 28 . Mai in Edinburgh. Also raus aus den Federn, Toastbrot mit Honig und einen Pott Nescafe eingeworfen, Schuhe an, Nummer ans Shirt heften und vorbei am Sitz des schottischen Regierungs- und Parlamentssitz zum Start in die Regent Road. Das Wetter war gut, wolkig, sonnig, warm, windig. Keinerlei Wartezeiten an den roten Lastwagen bei den Toiletten und der Taschenabgabe: „You’ll find the truuucks in the finisherrrr arrrrrrea“, rrrrroollte mir ein gut gelaunter Schotte entegen. „Alles klar, bis dann!“ Stimmung am Start entspannt. Jetzt ein schöner Trainingslauf über 21 Kilometer. Ich hatte mir nicht mal den Streckenplan richtig angeschaut….egal….passt schon. Tralala…wie schön kann das Leben sein.

Dazu muss man wissen, dass der „Edinburgh“-Marathon eigentlich eine Mogelpackung ist, und mit Edinburgh ungefähr soviel zu tun, wie der Flughafen Frankfurt-Hahn mit Frankfurt. Der Lauf startet zwar am Stadtrand, aber die Stadt mit ihren mittelalterlichen Häusern und Gassen lässt man nach 10 Minuten hinter sich. Danach verläuft die Strecke entlang der Nordseeküste. Zieleinlauf  ist in einem Städtchen mit dem Namen Musselburgh, das an der Mündung des Flusses Esk in die Nordsee liegt. Musselburgh passierte ich schon nach rund 45 Minuten und wunderte mich, ah…die Strecke muss wohl irgendwie hin und zurück gehen….aber von einem Ziel oder oder Trucks war dort keine Spur zu sehen. Komisch dachte ich, dann wird das wohl woanders sein, egal…passt schon…tralala.

Nach rund zwei Stunden hatte ich knapp 20 Kilometer hinter mir und die Strecke bog nach links direkt zum Strand ab. Ich war total zufrieden, im Einklang mit mir und dem Tag…jetzt noch die letzten paar hundert Meter anziehen, mit den Halbmarathonis durchs Ziel…sich unbeachtet verpissen und vielleicht ein schönes Bier am Strand trinken….die Sonne scheint ja gerade so schön. Als ich  um die Ecke gebogen war, zeigte meine Uhr zwar 21,2 Kilometer…aber vor mir lag nur die Dorfstrasse eines verschlafenen schottischen Küstenorts. Das einzige wahrnehmbare Geräusch war der Wind und das monotone klapp, klatsch, klapp, klatsch, klatsch von hunderten Turnschuhsohlen auf dem Asphalt. Kein Ziel, keine Trucks, kein Bier, kein Mensch…

….bis auf einen einzigen alten Schotten, der sich auf einem Campinghocker sitzend, vermutlich seinen Teil dachte, über diesen Bandwurm aus Menschen, die mit allerlei Textil, Brillen, Gürteln, Geltuben, Rucksäckchen und Fläschchen behängt, die sonntägliche Ruhe störten. Manche Läufer staffieren sich auch aus, als müssten sie durch die Kampfzone in der Ostukraine – mindestens.

Hmmm….dachte ich, vielleicht ein Irrtum, irgend eine Meilen/Kiometer-Umrechnungsproblematik meiner Uhr…oder vielleicht haben die Schotten einfach die Strecke falsch vermessen. Na gut, hilft ja nichts, einfach mal weiterlaufen. Nach einem weiteren Kilometer kam endlich ein Streckenposten in Sicht: „Excuse me, Sir, where is the Finish of the Halfmarathon?” Als er die Schultern hochzog und mir erklärte, dass er das nicht wisse, habe ich wahrscheinlich noch dümmer aus der Wäsche geschaut als er.

Na gut. Geduld! Dann frage ich einfach nach dem Ziel für den Marathon. „No idea, Sir, sorrrry“… Gibt’s das? Ist das Absicht? Will mich hier gar ein Schotte zum Narren halten? Letzter Versuch: „Wohin fahren denn die Lastwagen mit den Taschen? In diese oder in diese Richtung?“ Ich stand mit ausgestreckten Armen vor ihm, wie damals, als ich bei der Schultheateraufführung einen Baum spielen durfte. “I don’t know“…antwortete er mir, mit einem Ausdruck wachsender Verzweiflung in den Augen. Mit dem Menschen kam ich nicht weiter. Ich stand hier offensichtlich mit dem Einzigen, der noch weniger Ahnung von der Veranstaltung hatte als ich. Ok…ruhig Blut, allerletzte Frage („One final question, Sir?“): Wo kommt der Wendepunkt? In diese oder in diese Richtung? Denn wenn das Ziel in Musselburgh sein sollte, das definitiv bereits hinter mir lag, musste der Wendepunkt irgendwo vor mir kommen. Da hellte sich sein Gesicht auf und er zeigte in Laufrichtung. „That dirrrection, not farrrr, maybe 1 mile.“. Daumen hoch. „Na also“, dachte ich, „geht doch“, …Wendepunkt…Ziel…Getränke…Busse…macht zwar entfernungsmäßig keinen Sinn, aber der Schotte wird schon wissen, wo’s langgeht. Ein Irrtum.

Was sich in den folgenden drei Stunden zutrug, ist eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen, ungläubigem Verfluchen der eigenen Planlosigkeit, der Erkenntnis, dass es aus dieser Nummer kein Entrinnen gibt, schlimmen Bein- und  Wadenkrämpfen, Gehstrecken, Versuchen den Lauf doch noch zu genießen und der über allem schwebenden Frage: Wo in aller Welt ist dieses Scheißziel? Denn natürlich kam nach einer Meile kein Wendepunkt, auch nicht nach zwei, dreien oder vier. Statt dessen führte die Strecke immer tiefer in die wirklich schöne schottische Natur hinaus, irgendwann durch einen Park, vorbei an einem Schloss, wieder entlang dem Meer, so ganz genau weiss ich es nicht mehr. Ich glaube bei Kilometer 34 oder 35 kam der Wendepunkt und mit ihm die Frage an mich selbst: „Was in aller Welt machst Du hier eigentlich? Jeder anständige Schotte sitzt Sonntags ab 14 Uhr im Pub, lässt sich volllaufen, singt unflätige Lieder und genießt das Leben. Und was machst Du?”

Dann tauchten Sätze aus dem Buch „Running Buddha“ von Salyong Mipham in meinem Kopf auf, das ich unlängst gelesen hatte. Kapitel zwanzigwasweissich…Vom Umgang mit Schmerzen: „Haben wir eine Beziehung zum Schmerz und verstehen wir ihn, macht uns das furchtloser und glücklicher“. Ob dieser tibetisch-indische Klugscheisser einen Hauch von Ahnung hat, wie sich meine Waden anfühlen? Anscheinend ja, denn ein ander Satz in seinem Buch lautet: „Jeder leidet“ (Erkenntnis 2017/2). Genau; sich einfach mal nicht so wichtig nehmen. Und wenn ich während des Laufens so rechts und links geschaut habe, gab es dort Leute, denen dieser Lauf noch viel schwerer gefallen ist als mir, und ich denke, sie haben sich diese Medaille wirklich verdient. Über diesen und anderen Gedanken tauchte nach 42 Kilometern der Zieleinlauf auf…Zuschauer, Zielzone, Medaille. „Leute“, hätte ich am liebsten gesagt, „das ist ein Versehen. Ich wollte nie hierher, ich bin nur hier, weil kein Bus gefahren ist und meine Tasche weg war”. Zudem bin ich eine unterirdische Zeit gelaufen (5h:11min, Platz 4976) und überhaupt, wo bin ich jetzt eigentlich? In Musselburgh? Muss wohl so sein, denn da standen sie plötzlich in einer sauberen lange Reihe…die roten Trucks mit den Taschen…ein strahlender Mann überreichte mir meine: „Good Job!“. Auch dieser Schotte hatte definitiv keinerlei Ahnung…

PS. Ach ja…der Halbmarathon…der hatte schon zwei Stunden früher stattgefunden…stand so im Programm, wenn man es gelesen hätte.

 

One more tune 2017/2: Paolo Conte, Max

Die Arena di Verona gehört wohl zu den schönsten Konzertlocations Europas…oder sind wir mal ganz unbescheiden…weltweit. Das 30 n. Chr. gebaute Amphitheater wurde von den Römern für Gladiatorenkämpfe und Wettkämpfe genutzt und seine Ränge fassen heute noch 22.000 Zuschauer. Berühmt ist die Arena für das seit mehr als 90 Jahren jeden Sommer stattfindende Opernfestival. Ich habe in den Bergen ausserhalb von Verona vor ein paar Jahren einmal den Mann kennengelernt, der die Pferde für die Opern in der Arena trainiert…ein echter italienischer Pferdeflüsterer mit einem Ara-Papagei auf der Schulter, der ihm nicht von der Seite weicht…könnte sein, dass der Papagei Max hieß…

2005 spielte der italienische Liedermacher, Komponist, Rechtsanwalt, Notar, Grafiker, Maler und Reibeisenstimme Paolo Conte dort dieses schöne Konzert. Mit dem Vibraphon und der Klarinette kommen dabei gleich zwei meiner Lieblingsinstrumente hörbar zu ihrem Recht. Setzen wir uns also an einem schönen Sommerabend für ein paar Minuten auf die noch warmen Steinstufen der Arena und lauschen den Klängen…der Rest ist wie ein Kommentar unter dem Clip sagt: „magica atmosfera“.

In the dead of winter…

Wer hat sich eigentlich ausgedacht, dass Regen „plitsch-platsch“ macht? Bei mir macht der Regen „Plop, plop…..plop….plop, plop“, jedenfalls wenn ich nachts im Bett liege, die Zimmerdecke anstarre und über das Wetter der vergangenen Wochen nachdenke. Um es kurz zu machen. Nass und kalt; wahlweise mit Wind oder mit noch mehr Wind. Sonnenuntergang in Berlin heute: 16:18 Uhr. Wie schön! Die Tage werden wieder länger! Wahrscheinlich bin ich über Weihnachten zum Weichei mutiert. Laufen bei Kälte, Dunkelheit und Regen ist für mich zurzeit Strafarbeit. Klar gab es in den vergangenen Wochen auch schöne Läufe. Der PLC-Lichterpaarlauf im Dezember, der Neujahrslauf zur Pfaueninsel, die Läufe in den Potsdamer Ravensbergen.

Und hinterher kann man sich das ja auch ein bisschen schönreden. Das Wetter war gar nicht so schlimm wie befürchtet und ist doch eigentlich auch egal, ob man nass wird…wenn man erst mal losgelaufen ist. Die Wahrheit ist: Meistens musste ich mich nach einem Blick aus dem Fenster erst mal überwinden. Zu kalt, zu windig, zu nass. Hören wir also auf mit den Ausreden: Die Motivation stimmt nicht! Das ist wahre der Grund, warum ich nach der Laufpause keinen richtigen Rhythmus gefunden habe, und das Training so vor sich hin mäandert. Dabei sind es bis zum nächsten Marathon nur noch knapp sechs Monate. Zeit also, aus den „Babuschen“ zu kommen, oder wie ein schwäbischer Handwerksmeister sagen würde: „Finger aus’m Arsch und laufa lassa!“

Hohe Zeit also, das zu machen, was ich mir vorgenommen habe: Den lästigen Rest an Emotionen über die Irrungen und Wirrungen des Lebens beiseite schieben, endgültig aufhören sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die ich ohnehin nicht ändern kann und mir einen Plan machen. Hirn aus! Schuhe an! Trainingsplan durchziehen! Da war sie also wieder, die gute alte Disziplin…schnell nochmal ins Lexikon schauen: Disziplin ist… 1. das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Verhaltensregeln o. Ä.; 2. das Sicheinfügen in die Ordnung einer Gruppe, einer Gemeinschaft. 3. das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen. 4. Wissenschaftszweig; Teilbereich, Unterabteilung einer Wissenschaft. Richtig…das „Beherrschen des eigenen Willens, um ein Ziel zu erreichen“. Irgendwann habe ich mir doch mal so ein Marathonbuch gekauft…verdammt wo habe ich es nur hingestellt…

…ahja..da ist es ja…Seite 38, Kapitel 5, Motivation und Zielsetzung: „Der einzelne Mensch unterscheidet sich von anderen Menschen in den Zielen, die er sich setzt. Große Ziele bewirken eine große Veränderung (Erkenntnis 2017/1). Keine Ziele bewirken Stagnation oder Rückgang….Nur bei einem innerlich gefestigten Ziel kann sich der unbändige Wille entwickeln, der sich über die aufkommenden Schwierigkeiten wie Zeitmangel, Erkrankung, Leistungseinbruch, Verletzung, schlechtes Wetter, usw. hinwegsetzt und die Einhaltung und Fortsetzung des Trainings gewährleistet.“

Verdammt…warum kennt dieser Schreiberling meine innerstes ich? Haben die Russen etwa nicht nur Hillarys Emails sondern auch meinen Kopf gehackt? Wenn ich es genau überlege, wäre ich aber nicht mal dann erpressbar – wie langweilig. Genaugenommen bin ich wahrscheinlich nur einer von hundertausenden halbdepressiven Winter-Motivationsloch-Weicheiern, die sich mit bis zu vier Lagen Laufklamotten und Stirnlampen durch Dunkeldeutschland quälen und für die man solche Lauf-Bücher schreibt. Und wenn schon!

Ich habe mal nachgeschaut. Am 7. April 2013 bin ich meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Das war in Berlin und mein Ziel war es anzukommen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffe – vorher. Und  es war ein unglaublich erhebendes Gefühl – hinterher. Seither gab es einige Läufe, einige Höhen und einige Tiefen. Aber wenn mich das Laufen irgend etwas gelehrt hat, dann die Gewissheit, dass – ganz egal was kommt – man einfach immer weiter laufen muss. Irgendwann fühlt man sich wieder besser…und am Ende gibt es etwas zu trinken. Also hohe Zeit, sich mit dem Regen anzufreunden. Denn es ist „bestes schottisches Wetter, der Regen fällt fast lotrecht, nur leicht von der Seite“, sagt der schottische Freiheitskämpfer William Wallace (Mel Gibson) mit triefender Mähne und tropfnassem Kilt im Film Braveheart, in dem sich Engländer und Schotten Ende des 13. Jahrhunderts blutig um die Herrschaft streiten. Hoffen wir mal, dass sie sich 2017 trotz Brexit-Streit besser verstehen. Denn wie viele richtig erraten haben, wird mich der Weg Ende Mai nach Edinburgh führen, wo der nach London zweitgrößte Marathon der Insel stattfindet. Und ich glaube einen schottischen Whisky mit Finisher-Medaille um den Hals lasse ich mir nicht entgehen.

Also was ist zu tun? Im Buch steht das ab Seite 39 ganz genau: 1. Hauptziel definieren: Einen Marathon in vier Stunden laufen. 2. Sich klar darüber werden warum: Weil mir die Zeit davonläuft. 3. Zeitraum festlegen: Berlin Marathon, 24. September 2017. 4. Fernziel? 2018 verletzungsfrei erreichen. 5. Zwischenziele: Ludwigsfelde Frühlingslauf, 25. März, 13,8 Kilometer in unter 1:20; Berlin Schönefeld, Airport Nightrun, 8. April, Halbmarathon unter 1:55; Edinburgh, 28. Mai. Marathon in 4:20.

Na also…das hätten wir schon mal. Und draußen? Da regnet und windet es. Macht nichts. Denn eins ist sicher: Am Ende der winterlichen Ödnis kommt der Frühling.

One more tune 2017/1: Joss Stone / Karma

Meine derzeitige Lieblingsmusikerin ist Joss Stone. Die Soulsängerin stammt aus der südwestenglischen Grafschaft Devon, wo sie in dem Haus wohnt, in dem sie aufgewachsen ist. Auch ansonsten scheint sie ziemlich auf dem Boden geblieben zu sein. Sie singt immer barfuß – weil sie Schuhe unbequem findet – bis auf Turnschuhe. Na Joss…dann haben wir ja wenigstens eins gemeinsam. 🙂 Sie hat eine unglaubliche Stimme, eine total positive Ausstrahlung, einen herrlich britischen Akzent, sieht super aus und ist – fürchte ich – auch noch intelligent. 2011 hat sie ihr eigenes Label Stone’d Records gegründet und macht seither was ihr gefällt. Hier der Song “The High Road” aus einer Session für Billboard. Derzeit ist sie auf einer Welttournee, mit dem Ziel, in jedem Land der Erde zu spielen (Große Ziele bewirken große Veränderung). Dabei macht sie eine Menge wildes Zeugs mit einheimischen Musikern und hat aus Armenien diesen Mitschnitt ins Netz gestellt. Obwohl mir nicht alles gefällt, was die 29jährige im Laufe Ihrer Karriere so alles gemacht hat, halte ich sie für eine der besten Sängerinnen, die wir in Europa derzeit haben. Wie machen die Briten das bloß? Im ganzen Vereinigten Königreich leben zusammen genommen 20 Millionen Menschen weniger als in Deutschland und trotzdem haben sie so viele brillante Musiker. Vielleicht hat es damit zu tun haben, dass bei uns ganze Stadien ausrasten, wenn Helene Fischer atemlos herumleiert und das einzige Konzert von Joss Stone in Deutschland dieses Jahr in der Wackerhalle in Berghausen stattfinden wird…ich glaube ich gehe trotzdem hin.

„Zweiundvierzig“

“It’s important not to think.” Zaphod Beeblebrox’ Helm (Nachbau) 

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„Läufst Du vor irgendwas weg?“ Da stand sie diese Frage, schwarz auf grau, in diesem Facebook-Chat, den ich eigentlich so gut wie nie benutze. Hingeschrieben von einer Frau, die ich so gut wie nicht kenne. Wir hatten bis zur 10. Klasse dieselbe Schulbank gedrückt, das war’s. Irgendwie fühlte ich mich seltsam ertappt, und dann ins Grübeln gebracht. Was soll man denn darauf antworten? Vielleicht: Dass mir gefühlt das Leben im Wochentakt zwischen den Fingern zerrint? Oder, dass mir die Welt von Tag zu Tag ein komplizierter Ort wird? Oder: „War is just one shot away“, verbunden mit der Forderung, dass 2017 die Rolling Stones den Literaturnobelpreis kriegen sollten. Oder es vielleicht einfach mit Jean Paul Sartre versuchen: „Die Hölle, das sind die anderen“.

Das ist zwar alles richtig, nur Laufen ändert daran leider wenig. Zumal das mit dem Weglaufen ja so eine ähnliche Sache ist wie mit dem Weg-Reisen. Egal wohin man fährt oder läuft, man hat sich selbst ja immer im Gepäck. Deshalb spielt es auch überhaupt keine Rolle, vor was ich weglaufe. Viel wichtiger ist, wohin ich laufe. Leider habe ich aber auch darauf keine richtige Antwort gefunden. Vielleicht werde ich es wissen, wenn ich angekommen bin. Vielleicht auch nicht. Und sind vielleicht alle Fragen einfach „unpräzise“ und die Antwort lautet ohnehin immer 42. Ja, genau: 42! Und in Hongkong lächelt wissend genau jetzt ein Mann mittleren Alters und nickt. Wetten?

Bevor jetzt aber einer von Euch zum Hörer greift und zwei freundliche, aber  bestimmt dreinschauende Männer beauftragt, mich mit einer Zwangsjacke abzuholen, sei ein Einschub zur Aufklärung erlaubt…Machen wir uns mal für einen Moment nichts vor: Per Anhalter durch die Galaxis ist kein Roman. Und die Welt ist in Wirklichkeit nur eine Computer-Simulation! Falls jemand immer noch daran Zweifel hat, bitte bei Google den folgenden Satz eingeben: „the answer to life the universe and everything“. Und auf Antwort warten.

wp_20161015_20_03_43_proSchlimm…alles Bier im Berliner Späti…nur eine Simulation

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine außerirdische Kultur hat bereits vor längerem einen Computer namens Deep Thought gebaut, der die Antwort auf die Frage aller Fragen errechnen sollte, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Deep Thought war so leistungsfähig, dass er zum Zeitvertreib über die Vektoren sämtlicher Teilchen des Urknalls meditiert hat. Und nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren hat er folgenden Antwort ausgespuckt: 42. Diese Antwort ist natürlich total unbefriedigend, aber der Computer hat zurecht darauf hingewiesen, dass die Frage niemals präzise gestellt wurde (“I think the problem, to be quite honest with you, is that you’ve never actually known what the question is.”). Da er sich selbst aber auch nicht in der Lage dazu sah, die Frage zu ermitteln, hat er vorgschlagen, einen noch größeren, von ihm erdachten Computer zu bauen, so komplex, dass das organische Leben einen Teil seiner Arbeitsmatrix bildet. Dieser Computer ist der Planet Erde, der die ihm gestellte Aufgabe jedoch nicht abschließen kann, weil er fünf Minuten vor Ablauf des Programms im Rahmen des Verkehrsprojekts einer Hyperraumumgehungsstraße vom Volk der Vogonen gesprengt werden wird. Das erklärt übrigens auch den Trump’schen Wahlsieg und den ganzen anderen Rest. 

Im Lichte dessen, dass wir also offensichtlich im Wartesaal eines vogonischen Abrissprojekts herumleben ist die Frage, vor was ich weglaufe oder wie eigentlich der der Lauf in Chicago war, nun wirklich total Banane. Da es aber auch keinen Grund zu der Annahme gibt, dass im Universum der Bau von Hyperraumumgehungsstrassen relativ gesehen weniger Zeit brauchen als der Bau des Berliner Flughafens in der Simulation Erde, habe ich beschlossen mich für die kommenden Jahrzehnte zurückzulehnen und mit der Lauf-Planung für das kommende Jahr zu beginnen.

wp_20161009_08_13_34_proDie Menschen stehen staunend vor Vogonischen Raumschiffen 

Aber vorher noch kurz…wie war Chicago? Der Lauf in Chicago war ein Traum….oder besser gesagt ein perfekter Zeitabschnitt der Simulation Erde. Ich hatte das absolute Glück, dass das Wetter an diesem Tag zu 100 Prozent gepasst hat. Der Nachfolger von Deep Thought hat an dem Tag blausten Himmel, eine grandiose Wolkenkratzer-Kulisse und Zuschauer entlang fast der gesamten Strecke simuliert. Alles war super organisert – nirgends Schlangen – mit Ausnahme vor den Toilettenhäuschen entlang der gesamten Strecke – was mir  bei Kilometer 25 oder so mehrere Minuten Anstehen am Klohäuschen beschert hat…ich hatte einfach zuviel getrunken und so mal kurz ins Gebüsch ist in der USA-Simulation nicht möglich – überhaupt nicht. Es sei denn, man will unter Triebtäter-Verdacht in der nächsten Polizeireviersimulation landen. Auf dem Weg zum Start hatte sich dann noch meine Uhr verabschiedet – Blackout – vermutlich ein weiterer Wink der Vogonen, das mit dem Laufen nicht zu Ernst zu nehmen – also gings ohne Uhr über die Startlinie. Ich habe auf den ersten Kilometern zwei, drei Läufer gefragt, welche Pace sie laufen…da kamen dann aber Antworten wie 9.5 oder 10….ahja…klar…die Amis rechnen ja in Minuten pro Meile…wie war das nochmal…1,8 Kilometer, ne quatsch das ist die Seemeile…1,6 Kilometer pro Meile? Also 9,5 auf 1,6 Kilometer….macht….5,xx… das war mir dann irgendwie doch zu kompliziert.

wp_20161009_11_32_06_proTausende versuchen zu Fuß zu fliehen…
Deshalb bin ich einfach nach Gefühl drauflosgerannt…über Brücken, zwischen Hochausschluchten und durch die verschiednen „Neighborhoods“ Chicagos, von der wirklich jede anders aussieht. Es war ein großartiger Lauf und alles hat einigermaßen gepasst, aber so ab Kilometer 30-32 wurde es zäh in den Beinen und ich bin langsamer geworden – da baut wahrscheinlich der Computer Erschöpfungszustände ein – schon genial gemacht! Bei Kilometer 39 oder so (Mile 24) muss ich wohl so abgekämpft ausgesehen haben, dass eine ältere Dame, dem sehnigen Aussehen nach aber eine zähe Läuferin neben mir auftauchte: High-Five, einmal Abklatschen, einmal Lächeln. Ohne das ein Wort gefallen war, lautete ihre Botschaft – wir sind bis hierher gekommen, den Rest schaffen wir auch noch. Eine schöne Geste – und irgendwie war das das Signal zum Endspurt. Mit 4:30 habe ich meine Zielzeit von 4:15 nicht erreicht, aber das macht nix. Die Amis lassen es beim Laufen ohnehin relaxter angehen. Meine Platzierung: 13.529 von 39.262 Finishern, damit bin ich knapp hinter dem ersten Drittel gelandet, was mir in Deutschland mit dieser Zeit nicht passieren würde.  🙂

wp_20161009_11_40_32_proImmer Richtung 42…
Darum werde ich wohl nächstes Jahr nochmal versuchen, irgendwo in der Matrix die 42 zu laufen. Also, um ehrlich zu sein…ich habe mich schon angemeldet…in einem Landstrich, den ich läuferisch ehrlich gesagt bis jetzt nicht so auf dem Radar hatte. Aber manchmal muss man sich einfach in den Strom des Schicksals werfen (so’ne Art Random Funktion der Simulation) und schauen an welches Ufer man gespült wird. Ich habe dazu einfach meinen Sohn gefragt, wohin er gerne fahren würde. Denn nach dem Vater-Tochter-Trip nach Chicago steht 2017 “Männerurlaub” an…seine Antwort war: Irgendwohin, wo es nicht so heiß ist…aha….herausgekommen ist eine Stadt über der diese Flagge weht…

edinburgh2“Es ist bestes…Wetter, der Regen fällt fast lotrecht, nur leicht zur Seite geneigt”. …und in der am 28. Mai 2017 Marathon gelaufen wird. Das ist ziemlich genau in sechs Monaten. So ganz grob heißt das drei Monate für die kurzen Läufe und hoffentlich gezieltes Training für den Rumpf und die Rückenmuskulatur und ab März dann drei Monate für die langen Läufe. Und deshalb endet dieses Wochenende auch die vierwöchige Laufpause….ach, ich hatte mich schon fast an die Faulenzerei gewöhnt…aber schließlich weiss ich auch nicht sicher, ob die Sache mit der Hyperraumumgehungsstraße doch schneller geht als vermutet.

One more Tune 2016/19: Gimme Shelter/Rollling Stones

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Sei immer Du selbst.
Es sei denn, Du kannst Pirat sein.
Dann sei Pirat. (Erkenntnis 2016/17) 
Mein Ziel wäre es, irgendwann so zu Laufen wie Keith Richards Gitarre spielt….Er ist bestimmt nicht der Schnellste, aber mit Abstand der Coolste. Vermutlich handelt es sich um das Konzert am 24. August 2003 im Trickenham Rugby Stadion, London – wie immer war ich nicht dabei – Mist!  Apropos coole Leute. Die „Backgroundsängerin“  heißt Lisa Fischer und sie war über 25 Jahre lang  mit den Rolling Stones auf Tournee…was für eine Sängerin…da wird sogar diese Jagger-Simulation erträglich.

“Get ready….”

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Batman wohnt in Chicago. Davon bin ich inzwischen fest überzeugt. Irgendwo hier in den Häuserschluchten residiert er unaufällig, als zuvorkommender Milliardär Bruce Wayne und wenn es Nacht wird, geht er auf Verbrecherjagd… in „Gotham City“. Zu tun hätte er genug, denn die Sirenen der Streifenwagen heulen hier oft und von Januar bis Anfang Oktober gab es bereits 551 Morde in der Stadt. „2016 Death Toll“, nennt man das hier, und jeder Tote wird im Internet fein säuberlich verzeichnet: Name, Age, Race, Cause: Shooting…so geht das hier.

Aber von der eskalierenden Gewalt, vor allem der der Schwarzen Gangs untereinander, kriege ich nichts mit…im Gegenteil…während es zu Hause regnet, frühstücke ich bei 25 Grad im Straßencafé und alle sind nett….jedenfalls solange das Trinkgeld stimmt. Vielleicht sehe ich mir das Elend der Obdachlosen auch nicht genau genug an, weil ich ganz einfach dauernd nach oben schaue…geht nicht anders.

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Selbst auf die Aschenbahn…begleitet mich der faszienierende Wald aus Wolkenkratzern. Als der liebe Gott die Welt erschaffen hat, sind ihm in Chicago anscheinend eine ordentlich Ladung Bauklötze aus der Tasche gefallen und seither machen sie sich hier einen Spaß daraus die kreuz und quer übereinander zu stapeln. Staunend stehe vor der Marina City, zwei runden wabenartigen Türmen, in deren unteren 15 Stockwerken Autos parken, und darüber schrauben sich Appartements wie Schwalbennester in die Höhe…so wird es wohl sein das 22. Jahrhundert….als ich erfahre, dass diese Türme zwischen 1959 und 1967 entstanden sind, kommt mir Deutschland auf einen Schlag wahnsinnig bieder und konservativ vor…jedenfalls was seine Architektur anbelangt.

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Das Art Instute of Chicago, die Lakefront, Chinatown, die Blues-Clubs oder einfach nur einen Becher Kaffee in die Hand und mit dem Wassertaxi Hochhäuser anschauen…ich könnte hier locker einige Wochen zubringen, auch ohne Marathon….ach richtig…der Marathon! Aber hier noch schnell ein bisschen Andy Warhol….

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In weniger als 24 Stunden geht es los und das Marathonwochenende ist selbst in diesem Ballungsraum mit knapp 10 Millionen Einwohnern nicht zu übersehen…alle kennen irgend jemand, der jemand kennt, der jemand kennt…selbst der Typ, der uns heute Morgen im Sunny Side Up Café (sehr empfehlenswerter Laden im historischen Harry-Potter-Häuschen, (Superior/Rush Street) hat schon viermal versucht einen Startplatz zu bekommen…ohne Erfolg.  Das macht dann doch ein bisschen demütig, zumal einem wirklich jeder viel Erfolg wünscht. Witzig ist auch, dass die Nationalitäten hier ganz anders verteilt sind als beispielsweise in Berlin. Es sind mehr Läufer aus Guatemala dabei als aus Deutschland und erst recht weniger als die 1738 Läuferinnen und Läufer aus Mexiko. 21.000 Runners kommen aus Chicago und Illinois. Und für einige der 1792 Texaner könnte es knapp werden, weil aufgrund eines Hurricanes ziemlich viele Flüge aus dem Süden der USA gestrichen wurden.

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Gut, dass mein Coach und ich schon ein paar Tage eher geflogen sind…oft wird meine Tochter Hannah wohl ohnehin nicht mehr mit mir verreisen…oder wie hat der alte schwarze Mann auf der Straße gesagt… “Aaa..what’s goin’ on..aaaaand the young lady…she’s your daughta’ or your girl?” Ich habe ihn gefragt, was er wohl schätzt…”If she’s your girl, you’re a damn’ lucky man.”  Den Dollar hat er sich doch echt verdient….ansonsten wär’s auch Abzocke gewesen, denn die Zeitung, die er uns dafür in die Hand gedrückt hat war ein Werbeprospekt.

Also jedenfalls war ich gestern bei der Startnummernausgabe im McCormick-Expogelände. Die Marathon-Messe ist so wie alle anderen auch…nur die Lage des Geländes am Ufer des Lake Michigan ist echt spektakulär. Ansonsten ist alles bestens organisert, bis auf den Shuttle-Verkehr…zwar durfte man sich die Bandscheiben in echten gelben amerikanischen Schulbussen ruinieren, aber der Verkehr war eine Katastrophe…auf der Hinfahrt ging irgendwann eine halbe Stunde lang gar nichts mehr…Blaulicht, Cops, Straßensperre…. „President Obama is in town“, …und da wird vorsichtshalber erst mal die Hochstraße gesperrt unter der wir standen …die Amis halt…immerhin ist mir der Obama praktisch übern Kopf gefahren.

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Gerüchteweise war der President aber weder wegen des Marathons noch wegen politischen Dingen in Chicago. Er kommt ja von hier und wollte sich ein Baseballspiel der „Cubs“ ansehen. Das ist sowas wie im Fußball St. Pauli in Deutschland…und irgendwie scheinen die Cubs dieses Jahr besser zu spielen als sonst. „Die Cubs haben seit über 100 Jahren keinen Titel mehr gewonnen, deshalb lieben wir sie“, erzählt mir ein Mann, der mir auf der Messe ein Abo der Chicago Tribune andrehen will…sogar das 20 Meter hohe Dinosaurier-Skelett vor dem Naturkundemuseum in Chicago hatte ein überdimensionales Cubs-Trikot an…in Amerika muss es halt alles immer eine Nummer größer sein…also wenn’s hilft feuern wir sie mit an…”Go Cubbies….!” Jetzt noch ein bisschen relaxen…und dann geht es los…..Für morgen sind Sonne und Temperaturen zwischen 14 und 20 Grad angesagt…und obwohl Batman doch bestimmt dafür sorgen wird, dass alles ruhig bleibt in Gotham City…bin ich langsam doch ziemlich aufgeregt…deshalb gibt es heute auch keinen schlauen Erkenntnisspruch, sondern ein schönes Lied, das – warum weiß ich nicht – irgendwie zu Chicago passt:

One More Tone 2016/18: Bryan Adams/ I’m Ready