Back on track


Und dann war er gerissen, irgendwie, der Faden. Grippe im Frühjahr, Hitzewelle im Sommer; und schon geht man lieber baden oder lässt das Training sausen….weil es sich vor dem Urlaub ohnehin nicht mehr lohnt oder weil die komischen Schmerzen im Zehengelenk nicht weggehen oder weil jetzt endgültig Schluss ist…mit den faulen Ausreden: Seit ein paar Wochen bin ich wieder regelmäßig unterwegs. Genau genommen hatte ich nicht wirklich aufgehört, aber seit dem Halbmarathon im Frühjahr ist auch nicht wirklich viel passiert. Wenigstens für ein Paar kaputte Laufschuhe hat es über den Sommer doch gereicht.

Ich denke ja, dass das Material sch… ist, das ASICS da zusammen-schustert. Dabei war es bereits ein umgetauschtes Paar DS Trainer. Bei den ersten waren rechter und linker Schuh so unterschiedlich groß, dass man sich im Fachgeschäft zu dem Kommentar hinreißen ließ, dass man es in China oder Vietnam offensichtlich mitunter nicht ganz so genau nehme. Erkenntnis 2018/2: Wo China draufsteht, ist auch China drin. Blöd nur, wenn man dafür europäische Preise bezahlen soll. Das Loch im Obermaterial wollte ich auch nicht mehr reklamieren. Zumal der Verkäufer mir erklärte, ich würde wahrscheinlich die Zehen beim Laufen nach oben biegen und solle von innen Tapeband darüber kleben. Ich werde das spaßeshalber mal ausprobieren – der Advent ist ja Bastelzeit. Oder aber ich laufe einfach in meinen Adidas, da scheint das Tapeband vorinstalliert zu sein, denn da passiert das genauso wenig, wie bei den vorherigen ASICS-DS-Modellen.

Den langen Herbst habe ich überwiegend damit verbracht, immer die dieselbe Strecke zu laufen. Mein Ziel: Eine souveräne 5-Kilometer-Runde. Souverän heißt, dass ich zu jeder Zeit bestimme, wie ich laufe und nicht die Lunge, das Wetter oder meine Tagesverfassung. Wie sehr diese schwanken kann, merkt man übrigens erst, wenn man immer wieder dieselbe Strecke läuft. Souverän heißt auch, zu jeder Zeit die Reserven zu haben, das Tempo nochmals zu erhöhen. Souverän heißt auch, MIT dem Körper laufen – nicht gegen ihn. Vielleicht auch einfach mal aussetzen, wenn man das Gefühl hat: Heute nicht. Erst nachdem das alles stimmte, und mir meine Hausstrecke im “Neuen Garten” in Potsdam förmlich zu den Ohren rauskam habe ich die Distanz erhöht.

Den “Neuen Garten” haben die Potsdamer übrigens dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm II zu verdanken, der den Park im ausgehenden 18. Jahrhundert anlegen ließ. Friedrich Wilhelm II war der Neffe von Friedrich dem Großen – der mangels Interesse an Frauen und eigenem Nachwuchs –  die Thronfolge seinem Neffen überlassen musste. Von dem hielt der “Alte Fritz” aber genauso wenig wenig wie von dessen Vater, seinen jüngeren Bruder, und er ließ keine Gelegenheit aus beide öffentlich zu demütigen. Der Grund war wohl, dass der Vater der beiden (Friedrich Wilhelm I) – den jüngeren Bruder ihm vorgezogen hatte. Auch wenn man vor lauter Friedrichs und Wilhelms leicht den Überblick verliert – unterm Strich waren diese Hohenzollern vermutlich eine völlig normale, kaputte, deutsche Familier. Jedenfalls ließ sich König Friedrich Wilhelm II das „Marmorpalais“ an das Ufer des Heiligen Sees bauen – entworfen vom selben Architekten wie das Brandenburger Tor in Berlin. Allerdings bezweifle ich, dass der König sich in seinem “Haus am See” noch ausgiebig mit seinen zahlreichen Mätressen vergnügen konnte. Denn nur vier Jahre nach der Fertigstellung starb er 1797 von Krankheiten gezeichnet im Alter von 53 Jahren in seinem Marmorpalais.

Da war es noch schön warm. Morgenlauf mit Aussicht. Am Marmorpalais im Neuen Garten. 

Und während ich so seeseitig an seinem Palais vorbeilaufe und mir Gedanken darüber mache, dass ich jeden Tag in vollen Zügen genießen sollte, weil ich schließlich nicht wissen kann, ob es mich wie den seligen Friedrich Wilhelm auch mit 53 von der Platte putzt, fuchtelt plötzlich ein alter Kauz auf einem Elektrofahrrad vor mir herum. Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren und er schnauzt mich an, als wäre ich sein TUI-Reiseleiter. „Kann man um den See nicht herumfahren?“ „Nein“, sage ich und überlege gerade, ob ich ihm jetzt erklären soll, dass sich die Villengrundstücke gegenüber schon längst ein paar TV- und Modepromis unter den Nagel gerissen haben. Da mischt sich eine ältere Dame mit Hund ein: „Wieso wolln se denn ditte wissen? Müssn se zum Früüühstück pünktlich bei Jüüünter Jauch sein?“ Sie schüttelt den Kopf und zieht Ihren Hund an der Leine hinter sich her. Recht hat sie, und auch ich nutze die Chance und verdufte. Morgens um die Uhrzeit will jeder seine eine Ruhe haben. Die Frau, der Hund, Ich und Jüüünter Jauch bestimmt auch.

Am Jungfernsee…Laufen wo andere Urlaub machen

Der stadtnahe Neue Garten ist übrigens ein guter Startpunkt für viele Strecken. Man läuft entweder westlich weiter auf den Pfingstberg und  verlängert über den Volkspark nach Park Sansoucci, oder man läuft bis zum Havelufer und kann dort entweder weiter Richtung Glienicker Brücke/Wannsee oder wahlweise Richtung Nordwesten entlang dem Jungfernsee. An Gewässern mangelt es ja rund um Potsdam wirklich nicht. Zum Beispiel gibt es auch noch den Teltowkanal. Eine 40 Kilometer lange Berlin-Umgehungstrasse für Schiffe. Rechts und links vom Kanal sind über weite Strecken passable Laufwege. Und Anfang November findet dort jedes Jahr der Teltowkanal-Halbmarathon statt – für viele der Saisonabschluss. Man kann auch 7 oder 14 Kilometer laufen. Ich hatte mich für die 14 Kilometer entschieden, um wieder ein bisschen am Laufsport zu schnuppern und mal wieder vor den wie immer zu wenigen Klohäuschen anzustehen. Ach ja, und was ich noch gar nicht erwähnt habe: Am 29. Dezember verdufte ich für eine Weile… 

Neuseeland, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Nepal. Das ist der Plan.

Drei Monate muss meine Firma deshalb auf mich verzichten und ich verzichte dafür noch länger auf die Hälfte meines Lohns. Was soll’s. Das letzte Hemd hat keine Taschen, wie der Friedrich Wilhelm in seinem Marmorpalais sicherlich wohl auch bemerkt haben dürfte. Neben Wanderstiefeln nehme ich auch Laufschuhe und Kamera mit und werde vom anderen Ende der Welt den einen oder anderen Blog schreiben.

Ende März komme ich dann zurück und habe schon einiges vor. Zum Beispiel im September. Da habe ich einen Startplatz für den Berlin Marathon. 2019 wird also ein ereignisreiches Jahr, und ich bin sehr neugierig, was so alles auf mich zukommt. Denn das Leben steckt ja bekanntlich voller Überraschungen.
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OneMoreTune 2018/3: Rory Gallagher, Tatoo’d Lady/Irish Tour ’74

 „Irish Tour ’74“ war Gallaghers sechstes Album. Ein Live Album. Aufgenommen im Januar 1974 bei drei Konzerten in Belfast, Dublin und Cork. Studios hat er nie gemocht.

Warum er denn jetzt hier? Vielleicht liegt’s daran, dass ich im Sommer in Irland war und in Rory Gallaghers Heimatstadt Donegal übernachtet habe, vielleicht auch daran dass Rory Gallagher einfach ein sympathischer Anti-Star war;  mit seinen immer gleichen karierten Flanellhemden und seiner 30 Jahre alten, abgeblätterten Fender Stratocaster. Sowohl die Rolling Stones als auch Deep Purple wollten ihn als Gitarristen engagieren. Aber das große Showbusiness war seine Sache nicht. Rory Gallagher wollte nur eines machen: Musik – das war sein Ding. Sowie leider auch die vielen Tabletten, die er gegen Depressionen, Schlaflosigkeit und Flugangst schluckte und an denen er 1995 nach einer Lebertransplantation gestorben ist. 

Livemitschnitt von der Isle of Wight 1970. Die Band nannte sich zu der Zeit noch Taste. Achtung Männermusik!

Im Unterschied zu den meisten seiner Musikerkollegen spielte Gallagher in den 1970er Jahren auch regelmäßig in Nordirland, obwohl die IRA die Städte mit Bombenterror überzog und Konzerte potenzielle Anschlagziele waren. “Hier leben immer noch junge Leute, also gibt es für mich keinen Grund hier nicht aufzutreten”, begründete Gallagher seine Konzertreisen. In der zweiten Jahreshälfte 1971 befand sich Belfast in einer Art Kriegszustand. Das öffentliche Lebens war praktisch zum Erliegen gekommen. Seit sechs Monaten hatte in Belfast nicht ein einziges Konzert mehr stattgefunden, als Gallagher für den Neujahrsabend 1972 ein Live-Konzert ankündigte. Innerhalb von Stunden war die Karten restlos ausverkauft. In der Silvesternacht spielte Gallagher auf einer privaten Studentenparty, doch kurz vor Mitternacht splitterten die Scheiben im Saal. In der Nähe war eine Bombe detoniert. Insgesamt gab es in dieser Nacht 10 Anschläge, und jeder rechnete fest damit, dass das Konzert am nächsten Tag abgesagt würde. Doch Gallagher sagte nicht ab. Er nahm einfach seine Gitarre ging auf die Bühne und spielte, ohne ein Wort über die Anschläge zu verlieren. Roy Hollingworth, ein Journalist des Melody Maker beschrieb die Atmosphäre so:

“I’ve never seen anything quite so wonderful, so stirring, so uplifting, so joyous as when Gallagher and the band walked on stage. The whole place erupted, they all stood and they cheered and they yelled, and screamed, and they put their arms up, and they embraced. Then as one unit they put their arms into the air and gave peace signs. Without being silly, or overemotional, it was one of the most memorable moments of my life. It all meant something, it meant more than just rock n’ roll.

Rory Gallagher: A Millions Miles Away /Irish Tour ’74

Zwei Wochen nach dem Konzert in Belfast erschossen britische Fallschirmjäger am „Bloody Sunday“ im nordirischen Derry dreizehn Menschen. Zwischen 1968 und 1988 forderte der Bürgerkrieg in Nordirland 3.500 Menschenleben, weitere 47.000 wurden verletzt – mitten in Europa. Vielleicht sollten sich daran ein paar Idioten erinnern, die mit ihrem Brexit-Mist allen Ernstes riskieren, mitten durch Irland die Außengrenze der EU zu ziehen. Ich glaube ich weiß, was Rory Gallagher davon gehalten hätte.

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