Die 0 Kilometer von Bombay…

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In der vergangenen Woche bin ich kein einziges Mal gelaufen und trotzdem weit vorangekommen. Erkenntnis 2016 Nummer 5: Am Ende ist es nicht wichtig, was man macht, sondern dass man dabei sein Bestes gibt. Wie ich darauf komme? Ich bin kurzentschlossen nach Indien gereist. Das Land, in dem unbeschreibliche Armut und sagenhafter Reichtum nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen. 1000 Farben, 10 0000 Gerüche, 100 000 Straßenhändler und insgesamt 1,3 Milliarden Menschen, die gefühlt Tag und Nacht unterwegs sind. Da stand ich also eines Nachts in Matunga, einem der zahllosen Stadtteile der 18 Millionen Metropole Mumbai, wie Bombay seit 1997 heißt. Ein Ort zwischen Aufbruch und Apokalypse – je nachdem in welche Richtung man gerade den Kopf dreht. Und das sollte man immer zuerst nach rechts tun, falls man vor hat als Fußgänger die andere Straßenseite lebendig zu erreichen. Indien hat Linksverkehr. Das ist offensichtlich aber auch die einzige Verkehrsregel. Beziehungsweise es gibt noch eine zweite…egal was passiert, man darf nie, nie, nie stehenbleiben…wer anhält hat verloren.

Am nächsten Morgen steigt die Sonne gerade über den Horizont zwischen den  Hochhäusern und Betongerippen, als ich im fünften Stock eines Tempels einen schmucklosen Übungsraum der ebenfalls dort untergebrachten Yoga-Schule betrete. Anfängerkurs!

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„Geht schon“, denke ich. Ich habe das in Deutschland ja schon mal ausprobiert und Dehnungsübungen macht man nach dem Laufen ja auch. Tja, was soll ich sagen…Indien ist anders…in jeder Beziehung. Was in den folgenden anderthalb Stunden abläuft ist eine Serien-Bankrotterklärung meines Körpers. Bereits die erste Übung verursacht mir solche Schmerzen in den hinteren Oberschenkeln, dass ich am liebsten laut aufstöhnen würde. Ich entscheide mich aber für die Winnetou-Methode: Die Marter soll meiner Kehle keinen Laut entlocken. Indianer waren ja irgendwie auch Inder, jedenfalls aus Versehen.

So geht es Übung um Übung.  Immer wieder ruft der Lehrer Harshal die Gruppe zusammen, um am lebenden Objekt zu erklären, mit welchem Ziel wir uns gleich wieder ein bisschen schinden. Bei einer bestimmten Form von Liegestützen, bei der die Hände seitlich etwa auf Höhe des Bauchnabels aufgesetzt werden schaffe ich von den geforderten fünf Wiederholungen genau…keine. Als ich gerade anfange mich zu fragen, was ich eigentlich in einem fernen Land mit nackten Knien auf einem blanken Steinboden verloren habe ist der Kurs rum, und es fühlt sich…gut an! Geradezu perfekt! Doch meine Selbstzufriedenheit findet ein jähes Ende: „Thomas, you are stiff“, sagt Harshal mit mitleidigem Blick und haut mir zur Bekräftigung auf die Schulter. „If you work on it, it will get better after a few weeks. But the start will be painful.“ Ich hatte es irgendwie geahnt.

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In den folgenden Tagen lerne ich, dass auch heilige Kühe ganz schön Mist machen können und nebenbei eine ganze Menge über Yoga. Beim Zuschauen in  der Profiklasse begreife ich, dass die Beine nicht mit dem Oberschenkel beginnen, sondern im Becken, dass im Zentrum der menschlichen Bewegung der Rücken der Stabilitätsanker ist, eine Brücke die alles verbindet und zugleich Dreh- und Angelpunkt für Beine, Arme und Kopf ist. Dass es nicht reicht Muskeln zu trainieren und Sehnen zu dehnen, sondern die richtige Balance zu finden für Körper und Psyche. Und dass ein gesundes Maß an Härte gegen sich selbst notwendig ist und es manchmal eben auch weh tun muss, wenn man etwas erreichen will. No pain, no gain! Laufen und Yoga haben irgendwie mehr gemeinsam, als ich dachte.

Ein paar Mal wird mir die Ehre zu Teil, dass Zubin, der Chef der Schule, mir Übungen zeigt, die für mich sinnvoll sind. „Do it, otherwise you will get serious problems later“, ermahnt er mich freundlich. Mit zwei, drei Handgriffen korrigiert er meine Haltung und ich merke, dass er weiß wovon er redet. Von Zubin könnte sich so mancher Klangschalen-Onkel in Deutschland eine gewaltige Scheibe abschneiden. Oder noch besser: Das Yoga unterrichten einfach denen überlassen, die etwas davon verstehen.

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Es sind noch 254 Tage bis zum Lauf in Chicago.  Zwei Dinge sind mir klar geworden. Erstens,  dass ich Arbeit in den Rücken stecken muss, da er der Schlüssel zu meinem Marathonprojekt ist und zweitens, dass ich eines Tages wieder nach Indien fahren werde – das nächste Mal mit mehr Zeit im Gepäck.

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