Auch im Regen

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Die Regentropfen klatschen gegen die Scheiben am Bahnhof Friedrichstraße. Er liegt auf meinem täglichen Weg zur Arbeit. Eigentlich hasse ich die Friedrichstraße; wegen des Trubels, der Dauerbaustellen und des nie versiegenden Stroms von Schulklassen aus allen Herren Ländern. Oder vielleicht liebe ich auch die Friedrichstrasse; wegen des Trubels, der Dauerbaustellen und des nie versiegenden Stroms von Schulklassen aus allen Herren Ländern. Sei’s drum – für Überlegungen solcher Art ist ein Bahnhof der falsche Ort, und Ende Februar die falsche Zeit – jedenfalls in Berlin. Denn die Schnauze-voll-vom Winter-Stimmung ist auf seinem traurigen Höhepunkt angekommen. „Berlin ist auf Sand gebaut, und der zieht dich mit runter“, hat mir mal einer in einer Bar anvertraut – das war bestimmt im Februar.

Jedenfalls hat es in letzter Zeit viel geregnet. Das hat dazu geführt, dass ich am Wochenende vor acht Tagen doch tatsächlich abgeklemmt habe. Mir Weichei war es zum draußen Laufen zu nass, zu windig, zu kalt. Deshalb habe ich am Sonntag lustlose 10 Kilometer auf dem Laufband abgespult und am Montag nochmal 5 um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Spaß hat es keinen gemacht, Laufband-Laufen ist wie Skifahren auf Kunstschnee – besser als nix, aber trotzdem scheiße.  Man stellt sich ja schon beim Laufen mitunter die Frage nach dem Sinn. Aber wer sich eine Stunde lang auf einem Gummiband zwischen TV-Bildschirmen abrackert, ohne sich am Ende auch nur einen Zentimeter fortbewegt zu haben, der sollte die Sinnfrage vorher mit sich geklärt haben.

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Immerhin war es warm und trocken, denn blöderweise macht der Regen ja auch noch nass. Dankeswerterweise hat ein italienischer Physiker den Berg unnützen Wissens um einen gleichwohl interessanten Beitrag aufgestockt: Bleibt man trockener wenn man durch den Regen rennt anstatt zu gehen? Die  Antwort ist: Das kommt darauf an! Nass wird man aus zwei Richtungen: Von vorn und von oben.  Von vorn wird man genauso nass, da es dabei nur auf die zurückgelegte Strecke ankommt und nicht auf die Zeit. Allerdings bleibt beim Rennen trotzdem trockener, da die senkrecht von oben kommende Nässe allein von der Zeit und nicht von der der Strecke abhängt. Leider gilt das alles nur solange der Regen gleichmäßig fällt, alle Tropfen gleich groß sind und keinerlei Wind weht. Das erinnert mich doch stark an die ökonomischen Modelle, mit denen wir während des Studiums rumhantiert haben, und mit denen man so Dinge wie das Wirtschaftswachstum oder der Ölpreis prognostizieren kann – funktioniert wahrscheinlich deshalb so prima.

Zurück in den Regen: Es ist Dienstag, es ist dunkel, es ist kalt und eben es hat begonnen zu tropfen. Rund 40 Läufer drängeln sich unter dem kleinen Glasvordach der Sporthalle…zwei, drei Kilometer Warmlaufen, bevor das Training losgeht. Als es richtig zu platschen anfängt, ist die Unschlüssigkeit mit  den Händen zu greifen: Draußen oder Halle? Halle oder Draußen? Dann rennen plötzlich die ersten los. Ich denke an die Vögel, die ich in Südfrankreich oft beobachtet habe; alle sitzen friedlich in der Krone eines Baumes, bis unvermittelt einer losflattert und Sekunden später sind Hunderte kreischend in der Luft. Ich habe nie herausgefunden, warum der erste Vogel losflog.

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Dann sind irgendwie alle unterwegs –  ich auch. Warum? Keine Ahnung. Von oben platscht es immer heftiger, jemand neben mir sagt: „Warum tut man sich das eigentlich an?“  Nächste Frage, bitte! Nach drei oder vier Minuten trete ich auf dem dunklen Uferweg mit dem linken Fuß stockvoll in eine Pfütze. Die Socken saugen sich mit kaltem Wasser voll, zwei Minuten später ist der rechte Schuh dran. Als wir wieder beim Sportplatz ankommen bin ich so durchweicht, dass es mir vollends egal ist, ob es regnet oder nicht. Also runter mit der nassen Jacke und ab auf die Bahn. 6 x 2000 Meter Tempoeinheiten.

Nach der ersten Einheit ist mir warm, nach der zweiten Einheit steigt der Vollmond über den plötzlich wolkenlosen Horizont und taucht den Templiner See in ein kühles Mondlicht! Meine Laune steigt mit jedem Atemzug. Dass es immer wieder unter den Füßen platscht, weil auf der Tartanbahn stellenweise noch Wasser steht ist  völlig egal. Immerhin 5 x 2000 Meter habe ich hingekriegt….dann war Sense. Aber als ich eine Stunde später mit den klatschnassen Schuhen in der Hand die Halle betrete, verspüre ich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit mit dem Tag. Erkenntnis 2016 Nummer 8: Scheiß auf den Regen. Die Angst vor dem nass werden ist viel schlimmer als nass zu sein! Und so platt es auch sein mag: Auf Regen folgt Sonnenschein…am Sonntag waren  bei schöner Wintersonne, gemäßigtem Tempo und entspannter Musik die 2,5 Stunden Hausstrecke am Havelufer ein echter Genusslauf.

One More Tune/4: Propellerheads„On Her Majesty’s Secret Service“

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Klar könnte man jetzt: Auch im Regen von Rosenstolz nehmen…ist auch ein wunderschöner Song, der hier nicht ohne Grund Erwähnung findet. Aber ich habe am vergangenen Wochenende Casino Royal geschaut. Daher ist der Musiktipp diese Woche definitiv gerührt und nicht geschüttelt: „On Her Majesty’s Secret Service“ ist eine Coproduktion des britischen Duos Propellerheads und des Filmmusikkomponisten David Arnold. Der Track erschien 1998 auf dem Propellerheads Album „Decksandrumsandrockandroll“. Es ist ein neun Minuten langes Big Beat Stück, dass den Bond Song aus dem gleichnamigen Film als Vorlage nutzt. Astreine Laufmusik: Stöpsel in die Ohren, Laufschuhe an, die Herrenbitte Smoking und Fliege nicht vergessen und ab geht‘s. Schade, dass es diese Version nie in einen Bond Film geschafft hat. Dafür definitiv auf meine Playlist für Chicago. 😉