Morgenstund hat Gold im Mund

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich ”Euer Gnaden.“

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz 
(1883 – 1934), deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

 

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Und vor dem Frühstück, Herr Ringelnatz, habe ich noch einen schönen Lauf gemacht. Sonntagmorgen, 6:30 Uhr soll eigentlich der Wecker schellen. Ich bin schon kurz vorher wach. 16 Kilometer habe ich auf dem Plan. Es kostet mich schon ein zwei Minuten Überwindung, denn bisher habe ich konsequent allen einen Vogel gezeigt, die am Wochenende um 7 Uhr morgens die Laufschuhe schnüren und behaupten, das sei die schönste Zeit überhaupt. Aber heute soll es in Berlin 28 Grad geben und das ist einfach zu warm. Eigentlich laufe ich oft abends. Aber abends bin ich zur Zeit immer so müde, also probieren wir mal den frühen Morgen aus.

Es wird dann doch halb acht bis ich auf der Piste bin. Macht nichts. Das Havelufer gehört um diese Zeit tatsächlich mir und ein paar anderen Läufern, die früh unterwegs sind – man grüßt sich. Rennradfahrer, Hundebesitzer und Familien mit Laufrad-Kleinkindern (letztere brauchen prinzipiell immer die volle Breite des Wegs) liegen scheinbar alle noch im Bett. Wie schön. Sanft fällt das Licht zwischen die Baumwipfel auf den Weg Richtung Pfaueninsel – welch friedlicher Start in den Tag.

Für eine handvoll Dollar habe ich für diesen Morgen sogar einen Sherpa verpflichtet. Peter fährt mit dem Fahrrad nebenher und hat Wasser im Rucksack. Dass er sich trotz seiner 12 Jahre immer noch diebisch darüber freut, mich hinterrücks mit einer Wasserpistole nass zu spritzen sei geschenkt, ist bei dem Wetter sogar willkommen.

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Das Programm für die nächsten Wochen: Laufen, Laufen, Laufen…..ich bin gewaltig im Rückstand. Mein Laufpartner Andreas ist gestern die Marathondistanz beim Rennsteig-Lauf gelaufen. 42 Kilometer, 1600 Meter Höhenunterschied, bis 840 Meter über NN. Die Strecke verläuft quer durch den Thüringer Wald. Hut ab, Andreas! Das wäre für mich derzeit undenkbar. Erkenntnis 2016 Nummer 12: Per aspera ad astra – Durch den Staub zu den Sternen. Oder etwas freier übersetzt: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Oder ganz einfach gesagt: Kommt Zeit kommt Trainingsstand. Meine Motivation ist jedenfalls zurück. Das ist gut!

Ach ja..und es gibt seit heute noch eine neue Frau in meinem Leben…Sie ist Italienerin, arbeitet für Apple in Kalifornien und ist nicht von dieser Welt. Und das kam so: Was hört man an einem Frühlingssonntagmorgen im Wald?  Natürlich! Vivaldi! Und als ich am iPod Shuffle auf den kleinen Knopf drücke, mit dem man die Titel ansagen lassen kann, spricht plötzlich diese Frau in meine Ohren: „Antonio Vivaldi, concerto per quattro violines numero cinquecentoventidue.….ich kam fast vom Weg ab.

Bislang gab es bei Apple nur einen furchtbaren Typen, der mit seinem amerikanischen Kauderwelsch hartnäckig allen Versuchen widerstanden hat, deutsche oder französische Interpreten auch nur annähernd verständlich  auszusprechen..und jetzt säuselt es mir astreines Italienisch ins Ohr: Welch phonetische Wohltat…also manche Menschen wünschen sich ja nach ihrem Tod an Odins Tafel zu sitzen oder als Stein wiedergeboren zu werden. Ich für meinen Teil würde mich damit begnügen als Italiener zur Welt zu kommen…gutes Essen, mildes Klima, schöne Landschaften und alle Frauen sprechen italienisch…

One More Tune/12:  Antonio Vivaldi, Konzert für vier Violinen in A, RV 522, Allegro

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Das Stück veröffentlichte Vivaldi im Jahr 1711 im Rahmen der „Estro Armonico“. Der Zyklus aus 12 Konzerten gilt als prägend für viele spätere Kompositionen des 18. Jahrhunderts und hat anscheinend auch Johann Sebastian Bach beeinflusst. Das alles ist schon eine ziemliche zeitlang  her….nichtsdestotrotz ist es immer noch tolle Musik für einen harmonischen Morgenlauf.

Was nun allerdings den Autor dieses „Vivaldi-Clips“ bewegt haben mag, darüber können wir nur spekulieren…zugegebenermaßen sieht die Frau schon gut aus, aber was hat sie mit Vivaldi zu tun? Arbeitet sie am Ende gar bei Apple und spricht italienische Ansagen auf iPods? Und was in aller Welt machen diese albernen Rosen da in ihrem Haar? Vielleicht sollte ich in Erwägung ziehen mir für den Chicago Marathon ein Haarkränzchen aus Hopfenblüten zu flechten oder mir einen Henkel Weintrauben hinter die Ohren zu stecken? Fragen über Fragen…

Zurück auf Los…

Es ist schon eine Weile her seit dem letzten Blogeintrag. Was soll ich sagen? Irgendwie war mir in den zurückliegenden Wochen weder nach Schreiben noch nach Laufen. Sagen wir mal so: Wenn man an Krisen tatsächlich wächst, würde ich dem Zuständigen gerne zurufen: Ich bin jetzt groß genug!

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Aber der Reihe nach: Ende März ging es endlich nach Mallorca. Frühling total. Drei Wochen Urlaub und den Halbmarathon in Pollenca vor Augen. Der Trainingsstand gut…alles lief nach Plan. Doch leider hatte ich die Rechnung ohne die „spanische Grippe“ gemacht. Nach vier Tagen in Malle machten eine unglaubliche Schlappheit, Gliederschmerzen, Fieber und Husten meinem Pollenca-Halbmarathon Vorhaben den Garaus. Statt für 21 Kilometer reichte die Kraft für 21 Meter – Bett-Terrasse-Bett. Den Halbmarathon habe ich dann immerhin vom Straßencafe aus erlebt – bei Sonne und milden Temperaturen an der Uferpromenade von Porte Pollenca, mit Cappuccino und Ensaimadas (die mallorquinische Halbschwester der Rosinenschnecke) in der Hand. Ich musste ja schließlich Steffen anfeuern, der trotz wenig Training das Ding in in unter zwei Stunden heimgebracht hat.

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Und ein paar schöne Läufe und Touren waren in Mallorca dann auch noch drin, obwohl mir die Grippe noch bis Anfang Mai irgendwie in den Knochen, oder besser gesagt der Lunge stecken geblieben ist.

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Bemerkenswert ist, dass es in Mallorca bei der Startnummernausgabe für alle Läufer eine Flasche Rotwein gab…der Spanier versteht halt was vom Laufen UND vom Leben.

Um das Leben oder besser gesagt um den Tod ging es in einer Nachricht, die mich kurz vor der Rückreise nach Deutschland erreicht hat. Mein Freund Andi aus Stuttgart ist im April gestorben. Einfach so, an einem Herzinfarkt. Unfassbar – immer noch. Ein Tod an dem alles falsch ist. Mehr kann und will ich hier dazu gar nicht sagen. Jedenfalls war es für mich mit dem Training auch mental erst mal vorbei. Nach Mallorca war ich kein einziges Mal mehr Laufen. Ich konnte irgendwie nicht – fühlte mich total müde und ausgelaugt.

Aber langsam merke ich, wie ich mit allen Themen im Kopf langsam durch bin und mich wieder aufs Laufen konzentrieren möchte. Vorgestern habe ich zum ersten Mal wieder die Schuhe angezogen und eine Runde im Park gedreht, gestern Abend wieder und heute Abend auch…Back on track – nur die Pulsuhr habe ich in die Schublade gelegt – jedenfalls bis auf weiteres. Denn die Erkenntnis 2016 Nummer 11 habe ich an der Zimmerwand meiner Tochter entdeckt: „Dein Leben wird nicht dadurch länger, dass Du auf die Uhr blickst.“ Das stimmt. Und die Vorbereitungszeit für Chicago auch nicht. Ich habe nämlich noch ziemlich genau fünf Monate und einen Startplatz für Chicago in der Tasche!!! Yeeeeeeeees! Am 21. April kam die Mail:

Ohne Titel 2

Und deshalb geht es zurück auf Los und und von dort aus immer geradeaus in Richtung  Bank of America Marathon in Chicago. Ich freue mich riesig darauf! Hier noch eine Frage in eigener Sache: Bis jetzt sieht es so aus, dass ich alleine nach Chicago fahre. Geht auch; zu zweit wäre natürlich besser, schöner und toller. Also, falls jemand Lust mitzukommen – oder jemand kennt, der auch dort läuft – bitte melden! Ich wollte am 3.10. oder 4.10. los und am 10.10. wieder zurück. Flüge gibt es ab Berlin oder Frankfurt für rund 390 Euro.

One More Tune/11: AC/DC – For Those About To Rock 
Eines der letzten Male als ich den Andi gesehen habe, war er in Berlin auf dem AC/DC Konzert. Wir haben uns am Tag danach nach in der Nähe des Bahnhof Zoo getroffen, in der Sonne gechillt, gequatscht und viel gelacht – geradeaus – wie immer eigentlich; wie AC/DC irgendwie. Ich habe mich für einen Clip aus dem Jahr 1981 entschieden. For Those About To Rock (We salute you). Ein Konzert in Landover, einer 20.000 Seelen Gemeinde in Maryland/USA. Ja…ich weiß, die Kanonen sind ein bisschen lächerlich. Ja und? Ist das das ganze scheinbar wichtige Zeugs im Leben im Grunde nicht auch? Egal. Wer sich hier nicht mit einem Sixpack kaltem Dosenbier in die erste Reihe wünscht, sollte besser Helene Fischer hören und Duckface-Selfies machen. Dem Andi jedenfalls hätte es gefallen.