Blau zu Schwarz – Läuft!

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Manchmal ist die Welt so intensiv, dass man sie fast nicht aushält. Zum Beispiel wenn in Berlin die „blaue Stunde“ schlägt, man gerade den City-Nachtlauf gelaufen ist, sich aus der schweissnassen Menschenmenge stiehlt und in einem menschenleeren Winkel an der Gedächtniskirche kurz Luft holt. Und plötzlich hämmert dieses fast unwirkliche Schwarzblau vom Himmel, das die Stadt für ein paar Minuten in eine mystische Atmosphäre taucht. Irgendwie macht das Licht alles intensiver, die Lichter, die Farben, die Stadt…die mich dann am Bahnhof Zoo wieder auf den Boden der Realität holt….“Ey, haste mal ’n bisschen Kleingeld?“ „Ne, ey…hab ich mal nich.“ Ich habe eine Flasche Tannenzäpfe in der Hand, ey…und die trinke ich jetzt ganz alleine.

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Also, genau genommen trinken wir zu zweit. Und  genau genommen sind es auch zwei Flaschen Tannenzäpfle. Die andere hält Christian aus Babelsberg in der Hand, der gerade seine neue Bestzeit gelaufen ist. 10 Kilometer in 42 Minuten! Das muss ja irgendwie gefeiert werden. Ich bin auch zufrieden. Meine Zielzeit für den 10er-Testlauf habe ich um eine Minute unterboten…Wetter super…klasse Lauf! Berlin vom Feinsten!

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Ansonsten? Läuft! Die Knieprobleme habe ich relativ gut im Griff. Das Training ist so halbwegs im Plan und ich habe eine Schuh-Entscheidung getroffen: Den Marathon werde ich definitiv nicht mit dem adidas boost laufen. Für die 10 Kilometer ein super Schuh, aber über die volle Marathon-Distanz hat er – jedenfalls für mich – zu wenig Dämpfung. Wahrscheinlich wird es also der Asics werden. Es wird auch langsam Zeit sich ein paar Gedanken über Chicago zu machen….70 Tage noch…more or less…wenigstens ist der ganze organisatorische Kram erledigt. Flug gebucht Hotel klar gemacht, mittendrin, Laufnähe zum Start und noch wichtiger: Laufnähe zum Ziel! Ich habe zwar immer noch niemanden gefunden, der mitkommen möchte, aber was soll’s. Laufen ist ja ohnehin eher was für Individualisten.

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Was gibt’s denn sonst noch zu berichten? Ach ja, letzten Dienstag im Lauftraining hat mich der Potsdamer Lauf Club sozusagen aus heiterstem Himmel mit einem Geländeorientierungslauf überrascht. Abwechslung bringt ja bekanntlich Würze ins Leben. Jedenfalls ging es mit der Laufgruppe ab in den Wald, wo uns eine Expertin des Orientierungslaufvereins Potsdam in Empfang nahm. (Erkenntnis 2016/15: Es gibt nichts, was es nicht gibt.) Mit einer Karte, Kompass und einer Art USB-Stick am Finger ging es dann immer zu zweit oder dritt auf die Strecke, die man mit Karte und Kompass selbst ausknobeln musste. Ziel war es, zehn Markierungen im Wald zu finden. Es gibt keine vorgegeben Laufstrecke…alles ist erlaubt, Waldwege, Abkürzungen oder eben Luftlinie durch Unterholz und Brombeersträucher.

012Bild: OLV Potsdam 

Also wie soll ich es sagen, war auch mal interessant…zum Glück arbeitet meine Teamkollegin bei der Bundespolizei und konnte mit Karte und Kompass umgehen…ansonsten würde ich vielleicht jetzt immer noch im Wald umherirren. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich bei Dämmerung im Wald ohne Brille wohl keinen Flüchtigen stellen würde…es sei denn er wäre beleuchtet und würde ab und zu mit einem Schiffshorn hupen.

Aber das Schöne an der Lauferei ist ja…mit all dem muss ich nicht meinen Lebensunterhalt verdienen. Also kann ich mich an der Stelle entspannen. Oder hat Christian vielleicht recht, der mir auf der Rückfahrt vom Citynachtlauf ins Gewissen geredet hat: Du könntest noch schneller Laufen, wenn Du dich mehr quälen würdest, mal richtig an die Grenze gehen….ja…kann sein, aber auch mein Leben jenseits der Lauferei ist anstrengend und gefühlt zu oft jenseits der Grenzpfosten….ich werde trotzdem mal darüber nachdenken. Aber nicht zur blauen Stunde…denn dann wird blau zu schwarz und Berlin zu meinem Sehnsuchtsort.

One More Tune/15: Peter Fox/Schwarz zu blau

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Im Jahr 2009 hat Pierre Baigorry ein Album veröffentlicht, das in Deutschland die Charts erobert hat. Der Sohn eines Berliners und einer baskischen Französin hatte in Berlin zunächst das französische Gymnasium besucht und dann allerhand versucht: Klavierbauerlehre, Plattenladen, Sonderschulpädagogik. Hat aber (zum Glück) alles irgendwie nicht geklappt; dafür aber mit der Musik. Da nennt er sich Peter Fox und ist einer der Frontmänner der Berliner Reggae-Dancehall-Formation SEEED. „Schwarz zu blau“ ist nicht nur ein super Lauflied, sondern beschreibt ziemlich gut, was in Teilen von Berlin bei Nacht so abgeht. Der Text wird doch tatsächlich inzwischen in Schulen im Deutschunterricht als „Großstadtlyrik“ behandelt…muss ich mir vor Augen führen, wenn ich mir das nächste mal von der Warschauer Brücke nach Friedrichshain rüber den Weg durchs Scherbenmeer und Hundekacke bahne…Ist alles Kunst hier!

Läufer nerven! Laufen nervt!

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Es gibt ja tatsächlich ein paar Menschen, die dieser Blog interessiert. Jedenfalls haben mehrere von Euch gefragt,  wann wieder was erscheint. Das hat mich echt gefreut! Ich hatte nämlich überhaupt keinen Bock mehr irgendetwas über Laufen zu schreiben.

Das liegt daran, dass ich vor ein paar Wochen auf die Idee kam, mich bei fuck’n Facebook anzumelden. Und seither habe ich gefühlte 10.000 Beiträge von Lauf-Narzist(inn)en anschauen dürfen, die von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht dort ihre sportlichen Heldentaten zum Besten geben: Kostprobe gefällig:

„Super, super, super!!!! Heute vor der Arbeit noch schnell 30 Kilometer gelaufen….Neue Bestzeit! Endgeil!“. Dazu die obligatorischen Daten vom Laufcomputer, und so sicher wie das Amen in der Kirche: Das Selfie-Bildchen vorm Spiegel, denn sie finden sich selbst auch optisch „Super, super, super!!!“. Tja…und das hat mich dann doch ins Grübeln gebracht; über die vermeintliche Größe der Dachschäden meiner Mitmenschen, und gleichzeitig die Frage aufgeworfen, ob die Lauferei letztlich nicht eigentlich blöd, und überflüssig und mein Geschreibe nicht eitel und infantil ist…

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Und während ich da so darüber nachgedacht habe, bin ich ich wohl zu schnell zu weit gelaufen. Denn das Laufen hat angefangen mir an den Nerven zu zerren…genauer gesagt, am Iliotibialband…wir beide kennen uns seit letztem Jahr ganz gut, das Band und ich. Und derzeit kommunizieren wir wieder täglich  miteinander, wahlweise per brennenden oder mitunter auch dumpfen Schmerzen an der Außenseite des rechten Knies. Dabei liegt die eigentliche Ursache gar nicht im Knie, sondern irgendwo…. „am Arsch“…haha…ja so ist es…kleiner Ausflug in die Anatomie gefällig:

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Der Tractus iliotibialis (im Bild blau markiert)  ist ein Faszienstreifen, der vom Darmbeinkamm nach unten zieht, als ausgedehnte sehnenartige Hülle auf der Außenseite des Oberschenkels die Muskulatur stützt und am Schienbeinkopf verankert ist. Das iliotibiale Band spielt durch das Prinzip der „Zuggurtung“ eine wichtige Rolle beim menschlichen Stand, da es die Biegebeanspruchung des Oberschenkelknochens reduziert. Lange Zeit sah man den Schmerzen verursachenden Modus darin, dass der Tractus iliotibialis an der Gelenksvorwölbung des Oberschenkels reibt, ähnlich einem Seil an einer Felskante. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass jener vielmehr auf diesen drückt.Gleichwie kann dies vor allem bei Langstreckenläufern zu Überlastungen und Reizzuständen der Knochenhaut und des Schleimbeutels führen. Das Schmerzsyndrom selbst ist vielen Läufern und Radfahrern bekannt und als Tractussyndrom das häufigste bei Schmerzen im Bereich der Außenseite des Kniegelenks. Quelle: Wikipedia

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Tja, also alles nicht so schlimm, aber nervt halt! Zumal da nur eins hilft…runter mit dem Trainingsumfang. Ich habe die Zeit und das schöne Wetter deshalb genutzt, um mal ein bisschen im Park herumzulümmeln, bisschen was zu lesen, und den lieben Herrgott einen guten Mann sein zu lassen. Natürlich werde ich beim Blick auf den Kalender nervös, denn es sind ja nur noch drei Monate bis Chicago…aber Erkenntnis 2016/14: In der Ruhe liegt die Kraft. Und es dürfte wohl wieder mal Zeit für Dehn- und Kräftigungsübungen der Becken-, Bauch- und Rückenmuskulatur werden…habe ich schleifen lassen…selber schuld. Irgendwie ging mir das  Herumgeturne auf die Nerven…was soll’s…. „nobody’s perfect“…ausser die Facebook-Klone natürlich….bei denen ist alles super, super, super!!!

One More Tune/ 14: Bowie/Under Pressure
Passt doch…der Song handelt davon, dass permanenter Druck schädlich ist und Liebe der Ausweg sein kann….na dann…mal her mit der Liebe! Der Song erschien erstmals 1981 auf dem Queen-Album Hot Space. Er ist aber eine Koproduktion von Queen und David Bowie. Der spielte es später oft im Duett mit seiner langjährigen Bassistin Gail Ann Dorsay. Es spricht für Bowie, mit einer solchen Spitzenmusikerin zu arbeiten. Wirkliche A-Stars scharen halt A-Leute um sich, während B-Leute C-Talente holen, damit diese ja nicht heller scheinen mögen als sie selbst. Kann man überall beobachten – auch im Job. Also Hut ab, Herr Bowie…und Vorhang auf für Gail Ann Dorsay und David Bowie, was in dem Fall die richtige Reihenfolge der Nennung ist: Under Pressure.

PS: Die Einführung zeigt, dass die Franzosen nicht nur gut Fußball spielen..sie machen auch noch erstklassige Musiksendungen!

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