Auch im Regen

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Die Regentropfen klatschen gegen die Scheiben am Bahnhof Friedrichstraße. Er liegt auf meinem täglichen Weg zur Arbeit. Eigentlich hasse ich die Friedrichstraße; wegen des Trubels, der Dauerbaustellen und des nie versiegenden Stroms von Schulklassen aus allen Herren Ländern. Oder vielleicht liebe ich auch die Friedrichstrasse; wegen des Trubels, der Dauerbaustellen und des nie versiegenden Stroms von Schulklassen aus allen Herren Ländern. Sei’s drum – für Überlegungen solcher Art ist ein Bahnhof der falsche Ort, und Ende Februar die falsche Zeit – jedenfalls in Berlin. Denn die Schnauze-voll-vom Winter-Stimmung ist auf seinem traurigen Höhepunkt angekommen. “Berlin ist auf Sand gebaut, und der zieht dich mit runter”, hat mir mal einer in einer Bar anvertraut – das war bestimmt im Februar.

Jedenfalls hat es in letzter Zeit viel geregnet. Das hat dazu geführt, dass ich am Wochenende vor acht Tagen doch tatsächlich abgeklemmt habe. Mir Weichei war es zum draußen Laufen zu nass, zu windig, zu kalt. Deshalb habe ich am Sonntag lustlose 10 Kilometer auf dem Laufband abgespult und am Montag nochmal 5 um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Spaß hat es keinen gemacht, Laufband-Laufen ist wie Skifahren auf Kunstschnee – besser als nix, aber trotzdem scheiße.  Man stellt sich ja schon beim Laufen mitunter die Frage nach dem Sinn. Aber wer sich eine Stunde lang auf einem Gummiband zwischen TV-Bildschirmen abrackert, ohne sich am Ende auch nur einen Zentimeter fortbewegt zu haben, der sollte die Sinnfrage vorher mit sich geklärt haben.

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Immerhin war es warm und trocken, denn blöderweise macht der Regen ja auch noch nass. Dankeswerterweise hat ein italienischer Physiker den Berg unnützen Wissens um einen gleichwohl interessanten Beitrag aufgestockt: Bleibt man trockener wenn man durch den Regen rennt anstatt zu gehen? Die  Antwort ist: Das kommt darauf an! Nass wird man aus zwei Richtungen: Von vorn und von oben.  Von vorn wird man genauso nass, da es dabei nur auf die zurückgelegte Strecke ankommt und nicht auf die Zeit. Allerdings bleibt beim Rennen trotzdem trockener, da die senkrecht von oben kommende Nässe allein von der Zeit und nicht von der der Strecke abhängt. Leider gilt das alles nur solange der Regen gleichmäßig fällt, alle Tropfen gleich groß sind und keinerlei Wind weht. Das erinnert mich doch stark an die ökonomischen Modelle, mit denen wir während des Studiums rumhantiert haben, und mit denen man so Dinge wie das Wirtschaftswachstum oder der Ölpreis prognostizieren kann – funktioniert wahrscheinlich deshalb so prima.

Zurück in den Regen: Es ist Dienstag, es ist dunkel, es ist kalt und eben es hat begonnen zu tropfen. Rund 40 Läufer drängeln sich unter dem kleinen Glasvordach der Sporthalle…zwei, drei Kilometer Warmlaufen, bevor das Training losgeht. Als es richtig zu platschen anfängt, ist die Unschlüssigkeit mit  den Händen zu greifen: Draußen oder Halle? Halle oder Draußen? Dann rennen plötzlich die ersten los. Ich denke an die Vögel, die ich in Südfrankreich oft beobachtet habe; alle sitzen friedlich in der Krone eines Baumes, bis unvermittelt einer losflattert und Sekunden später sind Hunderte kreischend in der Luft. Ich habe nie herausgefunden, warum der erste Vogel losflog.

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Dann sind irgendwie alle unterwegs –  ich auch. Warum? Keine Ahnung. Von oben platscht es immer heftiger, jemand neben mir sagt: „Warum tut man sich das eigentlich an?“  Nächste Frage, bitte! Nach drei oder vier Minuten trete ich auf dem dunklen Uferweg mit dem linken Fuß stockvoll in eine Pfütze. Die Socken saugen sich mit kaltem Wasser voll, zwei Minuten später ist der rechte Schuh dran. Als wir wieder beim Sportplatz ankommen bin ich so durchweicht, dass es mir vollends egal ist, ob es regnet oder nicht. Also runter mit der nassen Jacke und ab auf die Bahn. 6 x 2000 Meter Tempoeinheiten.

Nach der ersten Einheit ist mir warm, nach der zweiten Einheit steigt der Vollmond über den plötzlich wolkenlosen Horizont und taucht den Templiner See in ein kühles Mondlicht! Meine Laune steigt mit jedem Atemzug. Dass es immer wieder unter den Füßen platscht, weil auf der Tartanbahn stellenweise noch Wasser steht ist  völlig egal. Immerhin 5 x 2000 Meter habe ich hingekriegt….dann war Sense. Aber als ich eine Stunde später mit den klatschnassen Schuhen in der Hand die Halle betrete, verspüre ich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit mit dem Tag. Erkenntnis 2016 Nummer 8: Scheiß auf den Regen. Die Angst vor dem nass werden ist viel schlimmer als nass zu sein! Und so platt es auch sein mag: Auf Regen folgt Sonnenschein…am Sonntag waren  bei schöner Wintersonne, gemäßigtem Tempo und entspannter Musik die 2,5 Stunden Hausstrecke am Havelufer ein echter Genusslauf.

One More Tune/4: Propellerheads„On Her Majesty’s Secret Service“

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Klar könnte man jetzt: Auch im Regen von Rosenstolz nehmen…ist auch ein wunderschöner Song, der hier nicht ohne Grund Erwähnung findet. Aber ich habe am vergangenen Wochenende Casino Royal geschaut. Daher ist der Musiktipp diese Woche definitiv gerührt und nicht geschüttelt: „On Her Majesty’s Secret Service“ ist eine Coproduktion des britischen Duos Propellerheads und des Filmmusikkomponisten David Arnold. Der Track erschien 1998 auf dem Propellerheads Album „Decksandrumsandrockandroll“. Es ist ein neun Minuten langes Big Beat Stück, dass den Bond Song aus dem gleichnamigen Film als Vorlage nutzt. Astreine Laufmusik: Stöpsel in die Ohren, Laufschuhe an, die Herrenbitte Smoking und Fliege nicht vergessen und ab geht‘s. Schade, dass es diese Version nie in einen Bond Film geschafft hat. Dafür definitiv auf meine Playlist für Chicago. 😉

Fifty Shades of Grey

Seit dem Trip nach Indien scheint es mir, als habe in Deutschland jemand die Farbe gestohlen. Die Kleidung schwarz, die Wände weiß, die Straßen grau. Genau genommen hat niemand die Farbe gestohlen, sondern es fehlt nur die Buntheit. Es sind die „unbunten” Farben“, die hierzulande den Ton angeben. Unbunt, weil sie weder einen Farbton noch eine Sättigung aufweisen. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Helligkeit voneinander. Tja…und dann setzen die Herren Physiker sogar noch einen drauf: “Unbunt ist als Farbe anzusehen.”  “Genau!”, möchte man manchen Menschen zurufen. Die Welt ist weder himmelblau noch rosarot, nicht schwarz nicht weiß…sie ist meistens einfach grau – und das ist eben auch auch eine Farbe…genau genommen sogar viele. Und deshalb startet der Blog diesmal mit einem Bild, das ich an einem trüben Morgen an der S-Bahn Station Babelsberg aufgenommen habe. Einfach mal klicken, groß ziehen und drei Minuten draufschauen…

Grau

…ist es nicht erstaunlich, wie viele verschiedene Grautöne ein Quadratmeter S-Bahnhof so hergibt? Es ist eines meiner Lieblingsfotos, auch weil es so schön das gesamte Können des brandenburgischen Glaserhandwerks dokumentiert….mein urschwäbischer Uropa (der war Glaser) würde sich bei dem Anblick wohl im Grabe umdrehen (mehrmals).

Was aber hat das eigentlich mit Laufen zu tun? Streng genommen nichts und doch vieles. Erkenntnis 2016 Nummer sieben: Die Sache mit der Lauferei ist wie das ganze Leben, weder schwarz noch weiß, sondern eben ganz oft grau, Routine, Wiederholung, mal heller, mal dunkler. Und im Grunde geht es darum die Zwischentöne zu schätzen.

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Zum Laufprojekt: Grau waren auch die letzten Tage, die sich jetzt für mich aber endlich an einer Art Trainingsplan langhangeln…Sonntags, der lange Lauf. Bei trüben Wetter und Nieselregen ging es 22 Kilometer durch den Wald und wie meistens immer mal wieder an der Havel lang zum Flensburger Löwen, ein Denkmal, für irgendeine Schlacht, das die Deutschen dann den Dänen geklaut hatten, aber am Wannsee eine Kopie aufgestellt hatten, noch bevor die Amerikaner 1945 den Dänen das Orginal zurückgegeben hatten. Lassen wir es damit gut sein…für die Berliner: Das Biergärtchen dort ist ganz nett, wenn es dann irgendwann wieder grün wird in den Wäldern um Berlin.

Zum Abschluss nutzten wir das neue Angebot des “Freien Üben” in der gut beheizten Iyengar Yoga Schule Potsdam in der Nähe des Babelsberger Parks. Perfekt, um die doch geschunden Muskeln und Glieder nach dem Laufen zu dehnen zu dehnen und zu strecken. Und am Ende gab‘s „Shavasana“, die einzige Yoga-Übung, deren Namen ich mir merken kann. Bei Wikipedia steht als deutsche Übersetzung doch glatt „Todes- oder Leichenstellung“.  Ich kann’s nicht ändern…ich war unheimlich gerne die Leiche!

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Dienstag ging‘s dann auf die Aschenbahn, 17 x 400 Meter Tempoeinheiten (4:20 min/km). Hört sich easy an? Ich musste zwischendurch aussetzen, keine Chance! Nächsten Dienstag stehen 6x 2000 Meter auf dem Programm, und ich kriege schon allein beim Gedanken daran schwere Beine. Aber ich werde dran bleiben. Donnerstag dann eine Einheit Iyengar-Yoga, Freitag einen 10 Km-Lauf, um sich langsam an das Halbmarathontempo ranzupirschen. Und Sonntag wieder auf die Strecke.

Es wird auch langsam Zeit ein bisschen Gas zu geben, denn der erste Testlauf 2016 steht: Am 3. April laufe ich im Norden von Mallorca den Pollenca Halbmarathon. In meiner Anmeldung steht: Mitja Marato Pollenca, Thomas – Veteranos M-45…Veteranos! Caramba! Auf spanisch hört sich sogar das irgendwie besser an. Ich freue mich jedenfalls auf schöne Läufe in Mallorca, denn das Meer dort ist blau, die Wiesen grün, die Zitronen gelb und der Wein rot…da fällt mir doch glatt der Konstantin Wecker ein:

„Und während dein Kollege Paul gerade sein Butterbrot auspackt,
öffnest Du eine weiße Flügeltür und atmest kräftig durch.
Vor Dir liegen Wiesen
Am Horizont öffnen sie sich.“

Ja, der Wecker! Hatte halt oft ein bisserl zu viel Koks am Start…aber sonst sehr schön. Wo wir gerade dabei sind, es fehlt noch der Musiktipp:

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Diesmal mehr was für die Balance als fürs Tempo: Big Calm aus dem gleichnamigen Album von Morcheeba. Notorische Kategorisierer sagen dazu wohl Trip-Hop; ein Sound der ab Mitte/Ende der 80er Jahre zuerst im englischen Bristol auftauchte. Massive Attack, Portishead, später auch Björk zählen zu den Vertretern. Big Calm ist ein schönes sechs Minuten langes Stück für den langsamen Lauf.

“Sometimes I feel,

like I been tied to the whippin’ post.” Warum der Blog Whippingpost heißt? Weil ich beim Laufen meistens Musik höre. Aber fangen wir von vorne an…Ein „Whipping Post“ ist ein Pfahl, an den unerfreulicherweise Menschen angebunden werden, um sie auszupeitschen. Manche Übersetzungen sprechen von einem Schandpfahl oder einer Geiselsäule. Ich glaube „Pranger“ trifft es am besten. Solche Pfähle oder Balken waren übrigens seit der Antike bis ins Mittelalter weit verbreitet und sollten später auch auf keiner anständigen Sklavenfarm fehlen. Wer nach Beispielen aus der Gegenwart sucht, wird mit Sicherheit in autoritären Regimen wie Saudi-Arabien fündig. Dort ist das Auspeitschen heute noch gängige Praxis der Justizbehörden, zum Beispiel um Menschen wie Raif Badawi zu bestrafen, die ihre Meinung in Blogs schreiben.

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Mit der Namensfindung für meinen Blog haben diese Perversionen menschlichen Verhaltens herzlich wenig zu tun: The Whipping Post ist nämlich auch eines der bekanntesten Lieder der Allman Brothers, einer Band aus den Südstaaten der USA, die zwischen 1969 und 2014 in verschiedenen Formationen Musik gemacht hat. Und da ich beim Laufen meistens Musik höre, die ich mir auf einen Ipod-Shuffle ziehe. Der lässt sich im Gegensatz zu jedem Smartphone nämlich noch bedienen, ohne dass man dämlich auf einem Display herumwischen muss….jedenfalls hatte ich irgendwann den Song Whipping Post im Kopfhörer. Sometimes I feel, like I been tied to the whippin’ post….

Und ich wusste sofort genau, von was da die Rede war. Nein, ich bin kein Masochist, und beim Zahnarzt lasse ich mir immer eine Spritze geben, bevor man mir im Nerv herumbohrt, aber als ich beim Frankfurt Marathon vor anderthalb Jahren mit krampfenden Waden dem Ziel entgegen gerobbt bin, stand ein Typ mit einem Schild an der Strecke: „Immer schön in den Schmerz reinarbeiten“, stand darauf. Und so blöd es sich anhört, genau das habe ich dann gemacht und bin irgendwie angekommen. Seither gehört Whipping Post zum festen Repertoire meiner Marathon-Playlist für das letzte Drittel der Strecke…. “Good Lord, I feel like I’m dyin'”

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Dabei handelt das Lied natürlich nicht vom Laufen, sondern von einer enttäuschten Liebe zu einer Frau. Klar, was sonst kann einen richtigen Mann außer Alkohol und Glücksspiel sonst noch zugrunde richten. Erkenntnis 2016 Nummer sechs: Wenn es einen Nobelpreis für Männerliteratur gäbe, hätte ihn Gregg Allmann für Whipping Post verdient. Deshalb an dieser Stelle sein Text in voller Länge. Der Song erschien erstmals im Jahr 1969.

I’ve been run down and I’ve been lied to.
And I don’t know why, I let that mean woman make me a fool.
She took all my money, wrecks my new car.
Now she’s with one of my good time buddies,
They’re drinkin in some cross-town bar.

Sometimes I feel, sometimes I feel,
Like I been tied to the whippin’ post.
Tied to the whippin’ post, tied to the whippin’ post.
Good Lord, I feel like I’m dyin’.

My friends tell me, that I’ve been such a fool.
But I had to stand by and take it baby, all for lovin’ you.
Drown myself in sorrow as I look at what you’ve done.
But nothing seemed to change, the bad times stayed the same,
And I can’t run.

Sometimes I feel, sometimes I feel,
Like I been tied to the whippin’ post.
Tied to the whippin’ post, tied to the whippin’ post.
Good Lord, I feel like I’m dyin’.

Sometimes I feel, sometimes I feel,
Like I been tied to the whippin’ post.
Tied to the whippin’ post, tied to the whippin’ post.
Good Lord, I feel like I’m dyin’.

Aber unzulänglich bleibt alle Schreiberei, wenn es doch um Musik geht…also hier geht’s zu Whipping Post von den Allman Brothers . Ist schon erstaunlich, was die alten Männer da auf die Bühne bringen, auch ganz ohne irgendwelche Hupfdohlen, die im Background in Glitzerstrapsen herumkaspern müssen. Für solcherlei gäbe es auf der Bühne auch gar keinen Platz, denn die Allman Brothers waren live mit nicht weniger als zwei  Schlagzeugern und einem Percussionisten unterwegs. Das schafft das Gerüst für einen Sound, der einen wie eine mächtige Welle nach vorne schiebt, und auf der man zwei drei Kilometer der Strecke dahinsurft.

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Weil Laufen und Musik für mich zusammen gehören gibt es ab jetzt am Ende immer einen Musiktipp, und ich hoffe natürlich im Gegenzug auf Eure Tipps:  One More Tune/1 : The Allman Brothers Band At Fillmore East (1971). Völlig überraschenderweise findet sich auf der Scheibe eine Live-Fassung von Whipping Post ☺

Die 0 Kilometer von Bombay…

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In der vergangenen Woche bin ich kein einziges Mal gelaufen und trotzdem weit vorangekommen. Erkenntnis 2016 Nummer 5: Am Ende ist es nicht wichtig, was man macht, sondern dass man dabei sein Bestes gibt. Wie ich darauf komme? Ich bin kurzentschlossen nach Indien gereist. Das Land, in dem unbeschreibliche Armut und sagenhafter Reichtum nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen. 1000 Farben, 10 0000 Gerüche, 100 000 Straßenhändler und insgesamt 1,3 Milliarden Menschen, die gefühlt Tag und Nacht unterwegs sind. Da stand ich also eines Nachts in Matunga, einem der zahllosen Stadtteile der 18 Millionen Metropole Mumbai, wie Bombay seit 1997 heißt. Ein Ort zwischen Aufbruch und Apokalypse – je nachdem in welche Richtung man gerade den Kopf dreht. Und das sollte man immer zuerst nach rechts tun, falls man vor hat als Fußgänger die andere Straßenseite lebendig zu erreichen. Indien hat Linksverkehr. Das ist offensichtlich aber auch die einzige Verkehrsregel. Beziehungsweise es gibt noch eine zweite…egal was passiert, man darf nie, nie, nie stehenbleiben…wer anhält hat verloren.

Am nächsten Morgen steigt die Sonne gerade über den Horizont zwischen den  Hochhäusern und Betongerippen, als ich im fünften Stock eines Tempels einen schmucklosen Übungsraum der ebenfalls dort untergebrachten Yoga-Schule betrete. Anfängerkurs!

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„Geht schon“, denke ich. Ich habe das in Deutschland ja schon mal ausprobiert und Dehnungsübungen macht man nach dem Laufen ja auch. Tja, was soll ich sagen…Indien ist anders…in jeder Beziehung. Was in den folgenden anderthalb Stunden abläuft ist eine Serien-Bankrotterklärung meines Körpers. Bereits die erste Übung verursacht mir solche Schmerzen in den hinteren Oberschenkeln, dass ich am liebsten laut aufstöhnen würde. Ich entscheide mich aber für die Winnetou-Methode: Die Marter soll meiner Kehle keinen Laut entlocken. Indianer waren ja irgendwie auch Inder, jedenfalls aus Versehen.

So geht es Übung um Übung.  Immer wieder ruft der Lehrer Harshal die Gruppe zusammen, um am lebenden Objekt zu erklären, mit welchem Ziel wir uns gleich wieder ein bisschen schinden. Bei einer bestimmten Form von Liegestützen, bei der die Hände seitlich etwa auf Höhe des Bauchnabels aufgesetzt werden schaffe ich von den geforderten fünf Wiederholungen genau…keine. Als ich gerade anfange mich zu fragen, was ich eigentlich in einem fernen Land mit nackten Knien auf einem blanken Steinboden verloren habe ist der Kurs rum, und es fühlt sich…gut an! Geradezu perfekt! Doch meine Selbstzufriedenheit findet ein jähes Ende: „Thomas, you are stiff“, sagt Harshal mit mitleidigem Blick und haut mir zur Bekräftigung auf die Schulter. „If you work on it, it will get better after a few weeks. But the start will be painful.“ Ich hatte es irgendwie geahnt.

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In den folgenden Tagen lerne ich, dass auch heilige Kühe ganz schön Mist machen können und nebenbei eine ganze Menge über Yoga. Beim Zuschauen in  der Profiklasse begreife ich, dass die Beine nicht mit dem Oberschenkel beginnen, sondern im Becken, dass im Zentrum der menschlichen Bewegung der Rücken der Stabilitätsanker ist, eine Brücke die alles verbindet und zugleich Dreh- und Angelpunkt für Beine, Arme und Kopf ist. Dass es nicht reicht Muskeln zu trainieren und Sehnen zu dehnen, sondern die richtige Balance zu finden für Körper und Psyche. Und dass ein gesundes Maß an Härte gegen sich selbst notwendig ist und es manchmal eben auch weh tun muss, wenn man etwas erreichen will. No pain, no gain! Laufen und Yoga haben irgendwie mehr gemeinsam, als ich dachte.

Ein paar Mal wird mir die Ehre zu Teil, dass Zubin, der Chef der Schule, mir Übungen zeigt, die für mich sinnvoll sind. “Do it, otherwise you will get serious problems later”, ermahnt er mich freundlich. Mit zwei, drei Handgriffen korrigiert er meine Haltung und ich merke, dass er weiß wovon er redet. Von Zubin könnte sich so mancher Klangschalen-Onkel in Deutschland eine gewaltige Scheibe abschneiden. Oder noch besser: Das Yoga unterrichten einfach denen überlassen, die etwas davon verstehen.

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Es sind noch 254 Tage bis zum Lauf in Chicago.  Zwei Dinge sind mir klar geworden. Erstens,  dass ich Arbeit in den Rücken stecken muss, da er der Schlüssel zu meinem Marathonprojekt ist und zweitens, dass ich eines Tages wieder nach Indien fahren werde – das nächste Mal mit mehr Zeit im Gepäck.

Bridge of Spies

Es hat in der Nacht geschneit und alles ist schön weich unter den Schuhen. Der lange langsame Lauf steht auf dem Programm. Park Babelsberg, Schloss Cecilienhof, Pfingstberg, Bornstedter Feld,  die große Außenrunde durch den Schlosspark Sanssouci und durch die Stadt zurück. Gute 22 Kilometer durch die weiße Pracht und die Geschichte Preußens. Im lockeren Laufschritt geht es erst einmal über die Glienicker Brücke. Derzeit in den Kinos zu bewundern als Schauplatz des Steven Spielberg Films mit Tom Hanks „Bridge of Spies“. Bei den Dreharbeiten wurde die Brücke extra künstlich beschneit. Im Gegensatz zu Spielberg und Hanks brauchen wir aber keinen Kunstschnee – das schafft der Januar auch so.

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Die Glienicker Brücke ist die Grenze zwischen Berlin und Potsdam und war bis 1989 auch Grenze zwischen der DDR und West Berlin. Es ist reiner Zufall, dass die Brücke heute überhaupt noch steht, denn in den letzten Kriegstagen 1945 hatte die Wehrmacht die Brücke bereits mit genug Sprengladungen versehen, um sie vollständig zu zerstören. Doch entgegen den Erwartungen der deutschen Pioniere kam die Rote Armee nicht aus Richtung Berlin, sondern aus der entgegengesetzten Richtung durch die Potsdamer Innenstadt. Für die Brücke ein Glück, denn bei den Kämpfen wurde sie zwar beschädigt, blieb aber stehen. Richtig berühmt wurde sie aber erst im Kalten Krieg. An der Nahtstelle zwischen den Blöcken diente sie mehrmals als Ort für den Austausch von Agenten, zum letzten Mal 1986.

WP_20160117_13_02_59_ProMöge die Macht mit mir sein. 🙂 Der Pfingstberg, etwas bearbeitet

Es sind die langen Läufe, die den Geist klar machen. Denn erst wenn der letzte Gedanke den Kopf verlassen hat, ist man mit sich allein…atmen, laufen, loslassen und spüren was der Körper macht…leider legen diese Läufe auch gnadenlos meine Schwachstellen offen. Derzeit sind es das verdammte Genick und die Schultern. Es fühlt sich an, als hätte mir ein grinsender Sadist ein Warndreieck aus glühendem Edelstahl eingenäht. Aber – Erkenntnis 2016 Nummer 4 – Jammern hilft nichts, gegen gar nichts. Ich werde ab morgen etwas für die Schultern tun…es ist ein Fehler zu denken, dass man mit den Beinen läuft…

Der Weg…

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soll ja bekanntlich das Ziel sein. Das erzählen jedenfalls meistens die, die nicht so genau wissen, wo sie hinwollen – sei’s im Leben oder beim Laufen. Wobei ich zugeben muss, dass ich beim Laufen auch meistens wieder dort rauskomme, wo ich losgelaufen bin…allerdings gänzlich ohne Konfuzius’ Weisheiten, sondern weil mich der Durst heimtreibt. Vielleicht können wir die fernöstliche Weisheit ja ein wenig modifizieren. Erkenntnis 2016 Nummer drei: Man kann den Weg wert schätzen und trotzdem ein Ziel haben…sonst wird’s – mir jedenfalls – ein bisserl zu langweilig; im Leben und beim Laufen.

Mein Ziel ist der Bank of America Marathon in Chicago am 8. Oktober 2016….Ich habe zwar weder einen Startplatz, noch eine genaue Vorstellung davon, wie ich mir den organisiere… Aber bis zum Start sind es ja noch beruhigende 274 Tage, 17 Stunden und 4 Minuten…wenn alle Stricke reißen gehe ich einfach ins Reisebüro. Warum Chicago? Weil man von Berlin ganz gut dorthin kommt. Weil ich noch nie dort war. Weil die drittgrößte Stadt der USA schon allein wegen seiner Skyline eine Reise wert sein soll. Weil ich gerne mal die großen Seen sehen will, und Chicago am Lake Michigan liegt. Der ist übrigens flächenmäßig größer als die Schweiz. Weil ich vielleicht anschließend noch einen Abstecher nach Detroit machen will…wann kann man schon mal einer Stadt beim Sterben zusehen.

Aber erst mal zurück ins winterliche Brandenburg: Der geschätzte Laufautor Achim Achilles hat sinngemäß geschrieben, dass Langstreckenläufer im Winter geboren werden…dann glaube ich ihm jetzt einfach mal und mache mich auf den Weg durch den Geburtskanal…oder anders gesagt, daran bis Mitte Februar die 12 bis 15 Kilometerstrecken stabil hinzukriegen…denn das Ziel ist klar, aber der Weg ist derzeit verschneit.

Die „Russen-Peitsche“…

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hält Berlin im eisigen Griff, schreibt die BILD-Zeitung. Und während Polizeiautos und S-Bahn wegen Frost erst einmal streiken, ziehen wir warme Socken und die Laufschuhe an, und schauen, ob das geht.  Bei minus 9 Grad Celsius und eisigem Ostwind ging’s am Sonntag auf die Piste. Denn  Väterchen Frost sorgte für einen astreinen blauen Himmel, zum Beispiel über der St. Peter und Paul Kirche (Bild oben) in Никольское*.

Kann man bei dieser Kälte überhaupt laufen, ohne Schaden in sich anzurichten? Das Internet sagt, „klar“, sonst gäbe es in Disziplinen wie Skilanglauf und Biathlon statt Medaillen reihenweise Kälteopfer. Klingt logisch, aber warum friert die Lunge nicht ein? Die Antwort heißt Bronchialsystem: 22- bis 24-mal verzweigt sich die Luftröhre in jeweils zwei kleinere Röhren. Nach jeder Verzweigung wird der Querschnitt des Röhrensystems kleiner und die Strömungsgeschwindigkeit der Atemluft geringer; die längere Kontaktzeit wärmt die Atemluft an…schon gut konstruiert dieser Homo sapiens.

Kreuz und quer ging’s durch den Park Klein-Glienicke zur Pfaueninsel (Bild unten) und zurück nach Babelsberg. Das Laufen in der klaren Luft und die Fernsicht waren echt ein Erlebnis! Erkenntnis 2016 Nummer zwei: Lieber zu kalt, als zu warm…jedenfalls beim Laufen. Nach anderthalb Stunden war es dann aber auch gut. Was nützt die beste Bronchial-Bio-Atemheizanlage, wenn irgendwann die tiefgefrorene Nase abfällt und der eisige Kiefer statt Tschüss nur noch ein „Dschuusch“ sabbert?

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An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Landschaftsgärtner im UNESCO Welterbe Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin. Die nagelneuen Wege, die Ihr gebaut habt, sind eine Wucht und eine 1a Hügeltrainingsstrecke. Falls Ihr noch verzweifelt nach Ideen sucht, Stiftungs- und Steuergelder unterzubringen: Ein Trinkwasserhahn für Läufer wäre super; gut informierte Kreise kolportieren, dass es in sechs Monaten Sommer wird. Ihr habt also noch etwas Zeit.

*Berlinern vielleicht besser bekannt als Nikolskoje im Ortsteil Wannsee.

Prosit Neujahr!

Neujahr. Es ist noch dunkel als ich aufwache. Irgendwas war wohl schlecht gestern. War’s der Sekt, der Weißwein, der Rotwein? Ist auch scheißegal. Jedenfalls beginnt das neue Jahr mit einem stechenden Schmerz hinter der Stirn und der Erkenntnis 2016 Nummer eins: Laufen und Trinken passt nicht. Hat nicht, tut nicht, wird nicht. Draußen ist es neblig und nass. Ich brauch keinen weiteren Grund, um mich nach dem Frühstück wieder unter die Bettdecke zu verdrücken. Dort liegt schon fett, warm und gemütlich der innere Schweinehund und säuselt mir ins Ohr: „Schon  ok… das neue Jahr hat erst begonnen….gestern war spät…man muss auch mal nett sein zu sich…ein Schläfchen in Ehren.” Die Mail von Andreas krieg ich nicht mit. „Betreff: Neujahrslauf. Bin mit dem Frühstück durch, wie wäre es denn so gegen 14:00 Uhr?“ Irgendwann schreckt mich mein Handy aus dem Koma…”Mail nicht gesehen? Wie schaut’s denn aus mit Laufen?” Ich bin einfach nicht wach genug, um mich zu wehren. Ich frag nach der Uhrzeit und sage: „Um 15:00 Uhr am Treffpunkt im Babelsberger Park…Hausstrecke…aber ich kann heute wirklich nur ganz langsaaaam Laufen.“ Als ich um Punkt drei das Haus verlasse, denke ich nochmal kurz über die Bedeutung des Wortes Masochismus nach. Was soll ich sagen… es wurde bei trübem Wetter der bisher schönste Lauf in diesem Jahr! Immerhin 13 Kilometer haben wir gemacht. Die frische Luft hat Wunder bewirkt. Freund Alkohol und ich werden in nächster Zeit wohl den einen oder anderen Abend getrennt verbringen, und den inneren Schweinehund habe ich – Andreas sei Dank –  in der Havel versenkt. Gut so. Schließlich habe ich ja noch einiges vor dieses Jahr…und bis Chicago ist es noch ein weiter, weiter Weg…

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Der Andreas, die Havel und der innere Schweinehund (bereits versenkt)